Rabbiner
Samson Raphael HIRSCH
פרשת כי תצא
Aus seinem Kommentar zur
Wochenabschnitt Ki Ssétzé:
Kap.23 V.4: Es komme nicht ein Ammoniter und ein Moabiter
in die Versammlung Gottes; auch das zehnte Geschlecht komme von ihnen nicht in
die Versammlung Gottes auf ewig.
V.5 Weil sie euch nicht mit Brot und Wasser auf der
Wanderung entgegengekommen sind, als ihr aus Mizrajim zoget, und weil er wider
dich Bileam, den Sohn Beors aus Pethor Aram Naharajim, gedungen, dich zu
fluchen,
V.6 und Gott, dein Gott, Bileam kein Gehör zuwenden
wollte, vielmehr Gott, dein Gott, dir den Fluch in Segen umwandelte, weil Gott,
dein Gott, dich liebte.
V.7 Deren Friede und Wohl sollst du alle deine Tage auf
ewig nicht suchen.
Kap. 25 V.
4 – 7 לא יבא עמוני ומואבי וגו' Jebamoth 76b wird als Halacha gelehrt: עמוני ומואבי אסורים ואסורין אסור עולם אבל נקיבותיהם
מותרות מיד, von Ammon und Moab sind die Männlichen selbst nach ihrem
Übertritt zum Judentum in allen Folgegeschlechtern für den jüdischen Ehekreis אסור, die weibliche sind jedoch sofort nach
ihrem Übertritt zum Judentum für den jüdischen Ehekreis gestattet; das Verbot
trifft nur den Ammoniter und den Moabiter, nicht aber die Ammoniterin und
Moabiterin, עמוני ולא עמונית מואבי ולא מואבית.
Motiviert wird die Halacha mit Hinweis auf die im Gesetzte gegebene Motivierung
des Verbotes: על דבר אשר לא קדמו אתכם בלחם ובמים,
weil die internationale Menschlichkeit nicht geübt, an ihr Gebiet
vorüberziehende von langer Wüstenwanderung ermattete Menschen mit Speise und
Trank zu laben, דרכו של איש לקדם ולא
דרכה של אשה לקדם, die öffentliche Ausübung solcher internationalen Humanität
aber zunächst von den Männern abhängt. Die Frauen trifft den Vorwurf nicht.
Nicht zu übersehen dürfte auch der Wechsel des Numerus sein. Der Vorwurf der
unterlassenen Labung wird im Plural ausgesprochen, לא קדמו וגו'; es ist dies ja eine internationale Menschenpflicht, die von
jedem einzelnen ihre Erfüllung erwartet. Der Versuch, Israel durch Fluchen zu
vernichten, war aber von der nationalen Spitze, dem Könige von Moab, versucht
worden und spricht sich darin nicht sowohl die völkerfeindliche Gesinnung der
einzelnen Nationalen, als die der Nation im Ganzen aus: Dieser Fluchversuch steht
daher in der Einheit שכר עליך וגו'.
Diese
internationale Härte, Schroffheit und Unmenschlichkeit ist es auch, die Moab
noch von den späteren Propheten vorgeworfen wird. Im Anblick der über Moab
hereinbrechenden Katastrophe wird Jesajas 15 u. 16 darauf hingewiesen, wie alle
Nachbarbevölkerungen über Moab zu schreien hatten, כי הקיפה הזעקה את גבול מואב, wie in der Ferne man nur von Moabs
Hochmut und Stolz und blindem Wüten, גאותו וגאונו ועברתו, hörte, so daß (daselbst) als einziges das
Verhängnis noch vielleicht abwendendes Sühnemittel die Belehrung zur Milde und
die Betätigung derselben gegen unglückliche Flüchtlinge Moab auf der
Mittagshöhe seines Glückes angeraten wird. „Schaffe Rat“, ruft im Jesajas zu,
„übe Überlegung, mache, als wär’s schon Nacht deinen Schatten im hellen Mittag,
birg Verwiesene, verrate keinen Flüchtling, daß meine Verwiesenen bei dir eine
Stätte finden, Moab, sei ihnen Schutz vor dem Räuber; denn Erpressung hört auf, Raub geht zu Enden es schwindet der
Gewaltstritt von der Erde, und in Milde wird ein Thron errichtet u.s.w.“
Wenn nach
der Halacha an diesem Mangel
internationalen Humanitätsgefühls, an diesem partikularen Nationalhochmut die
moabitischen Frauen keinen Anteil hatten, so ist dies solchen Männern zur Seite
doppelt hoch anzurechnen, und wohl dürfte in der Brust jener menschlich edeln
Moabiterin Ruth, der großen Mutter des Davidischen Geschlechtes, die Flamme
einer solchen alle Völkerscheiden überbrückenden Menschenliebe hell geleuchtet
und einigen Anteil an dem Geist gehabt haben, der in den Harfentönen ihres
Enkels den einstigen Morgen einer um Gott vereinten Völkergesamtheit singt und
der Herold dieser Morgenröte inmitten der Menschheit geworden ist – מאי רות אר"י שזכתה ויצא ממנה דוד שריוהו להב"ה
בשירות ותשבחות (Berachoth 7b)
Kap. 25 V.17 Gedenke dessen, was dir Amalek getan, als
ihr als Mizrajim zoget.
Kap.25 V.
17 זכור וגו' Das Fernhalten von jedem עול, von dem Mißbrauch jeder, sei es auch nur
momentanen Überordnung (עול)
über den andern zu dessen Schaden, von dem Missbrauch eines jeden Vertrauens,
das ein Mensch in den andern setzen muss, wenn überall ein Zusammenleben der
Menschen möglich sein soll, das Durchdrungensein von der Überzeugung, daß wir
nur so lange Gott nennen dürfen, als wir ängstlich das kleinste Unrecht gegen
seine Menschen auf Erden scheuen, und die daraus hervorgehende fleckenloseste
Rechtschaffenheit in unserem Verkehr mit Menschen, das war der letzte Zug, den
das Gesetz für das Charakterbild des von ihm zu leitenden und nach ihm zu
nennenden Volkes gezeichnet. Das Volk, in dessen Nationalcharakter die Züge des
Mitgefühls, der Rücksicht, der Milde, des Wohltuns gegen alles, was lebt
hervorleuchten sollen, wie dazu die letzten Kapitel des Gottesgesetzes wiederholt gemahnt, das
überall bereit sein soll, „wohl“ zu tun, dem solle es in allerersten Linie
unmöglich werden, „wehe“ zu tun, das soll im vollendetsten Ideal als „ישרון“ (Kap. 33, 26) über die Erde wandeln, in
dessen Verkehr mit Menschen solle es als ישר, als das geradeste, rechtschaffenste, biederste unter den
Völkern sich ankündigen, und שארית ישראל,
diejenigen, die alle Zeiten und alle Prüfungen für die einstige jüdische
Vollendung durchdauern, erblickt das Prophetenwort in denjenigen, welche „Kein
Unrecht tun, keine Täuschung reden und in deren Mund sich keine Zunge des
Truges findet; sie allein finden Weide und Ruhe, sie allein haben, vor nichts
und niemand zu zittern“ שארית ישראל לא יעשו
עולה ולא ידברו כזב ולא ימצא בפיהם לשון תרמית כי המה ירעו ורבצו ואין מחריד
(Zefanja 3, 13).
Den geraden Gegensatz zu diesem aus
Gerechtigkeit und Liebespflicht gewobenen Charakterbilde eines Volkes, das nur
in gewissenhafter Pflichttreue seine
Macht und seine Zukunft erblicken, und durch deren Vorgang die ausschließliche
Pflichthuldigung einst das Anteil der Gesamtmenschheit werden soll, bildet eine
Völkergröße, die, wie Amalek, nur in dem Schwerte ihre Macht und in den
Niedertreten aller ungerüsteten Schwächern ihre Ruhmesfreude findet. Sie trat
bereits bei dem ersten Hineintreten des Volkes der siegreichen Pflichttreue in
die Völkergeschichte (2 B.M. 17, 8-16) diesem feindlich entgegen und ihr ward
(daselbst) gleich bei diesem ersten gegensätzlichen Versuch das einstige
Verschwinden aus dem Gedächtnis der Völker verkündet (siehe daselbst).
Die nunmehr mit ihrer Pflichtaufgabe in das Land
des Gesetzes zu dessen treuer Erfüllung Einziehenden werden daher hier auf
diesen ausgesprägtesten Gegensatz, und zwar zu dauernder Erinnerung, nochmals
hingewiesen, in den einzelnen Zügen seines Auftretens ihnen dieser Gegensatz zu
ihrer Bestimmung zum klarsten Bewusstsein gebracht, und – während dort der
Kampf gegen Amaleks Völkerprinzip bis zu dessen völligem Verschwinden als
Inhalt aller völkergeschichtlichen Gotteswaltungen auf Erden verkündet ist –
wird hier Jissroél aufgefordert, sich als mitwirkendes Werkzeug für diesen
Gotteskampf gegen Amalek zu begreifen und zu bewähren, aus dessen die Menschen
irreführenden, mit seinem Glanze blendenden Ruhmeslorbeer das letzte Blatt eben
dann fallen werde, wenn nicht vor einem stärkeren Schwerte sein Schwert, wenn
vor einer nur auf Pflichttreue gegen Gottes Sittengesetz aufgeblüht stehenden,
nur von Gott getragenen Macht Amaleks Schwert zusammenbricht.
בדרך בשעת טירופיכם בצאתכם, את אשר עשה לך עמלק בדרך בצאתכם
ממצרים (ספרי)
eure Gesamtheit (לך)
war בדרך, auf der Wanderung begriffen,
von ganz anderen Gedanken und Sorgen, als von Kriegsgedanken eingenommen; es
war die Wanderung einer heimatlosen Menge mit Frauen und Kindern in der Wüste,
deren Lage menschliche Teilnahme von jedem menschlich Fühlenden und nicht
Feindseligkeit hätte erwarten dürfen. Und über jedem einzelnen von euch (בצאתכם) schwebte noch die Bekundung des einen
Einzigen unsichtbar gegenwärtig, der seine Fesseln gebrochen und ihn aus der
Knechtschaft einer solchen Macht wie Mizrajim zur Freiheit geführt, eine
Tatsache, die den Wehrlosen von euch zu Schirm und Schild gegen jeden
mutwilligen Angriff hätte dienen müssen.
מקרה, אשר קרך בדרך ist ja das, was für sie den
davon Betroffenen außer alle Berechnung und Erwartung geschieht (siehe 1 B.M.
24,12). Du zogst deines Weges und hattest gar keine Veranlassung, einen
feindlichen Überfall zu vermuten. Sein Angriff war völlig unprovoziert, war von
purer Freude an Menschenschlächterei, oder von einer Ahnung der Gefahr
getrieben, die aus dem mit
dir in die Geschichte einziehenden Prinzipe der reinen Menschlichkeit und
Pflichttreue seinem Prinzipe der Schwertgewalt zu drohen begann.
זנב, ויזנב בך, der Schweif (so rabb. סניף: Anhängsel, das Nebensächliche, einem
Hauptkörper Anhängende, und צנף:
die Anhängsel, Enden, mit einem Hauptkörper verbinden, zusammenrollen), hier:
die Nachzügler, und זנב,
Piel (wie סעף) entasten): die Nachzügler von
dem Haupttrupp abschneiden, oder niedermachen. כל הנחשלים אחריך חשל (verwandt mit חסל: abfressen, zu Ende bringen, אזל schwinden, עצל
träge) Daniel 2,40: פרזלא מהדק וחשל כלה
Eisen zerschlägt und vernichtet alles, bezeichnet jedenfalls eine Schwächezustand,
ähnlich wie das versetzte חלש:
also: alle, die dir nur schwach nachfolgen konnten, aus Schwäche zurückblieben.
ואתה עיף ויגע, du selbst – das ganze Volk, der
Hauptkörper selbst – warst matt und abgemüht. Es waren also die Schwächsten,
die selbst einer langsamen Fortbewegung nicht folgen konnten, die er überfiel.
Ihn lud somit nicht Schwäche zu Mitleid und Schonung, sondern zu roher,
höhnender Mißhandlung.
ולא ירא אלדי' und er sah nicht Gott, der für den
Schwachen eintritt gegen die Faust des Starken, und hatte keine Scheu vor Ihm.
V.19 So sei es denn: wenn Gott, dein Gott, dir Ruhe gegeben
haben wird von allen deinen Feinden ringsum in dem Lande, welches Gott, dein
Gott, dir als Erbe zur Besitznahme gibt; sollst du das Andenken Amaleks von
unter dem Himmel weglöschen; vergiß dies nicht.
V.19 והיה בהניח וגו' wenn Gott dir dein Gott ist, wenn du, im
geraden Gegensatz zu allen diesen Amalekzügen, all dein Tun nach seinem Willen
richtest und all dein Sein Ihm anheim stellst und du so – nicht durch dein
Schwert und deine Macht – durch den mit deiner Pflichttreue gewonnenen
Gottesschutz, in dem dir von Gott angewiesenen Lande, unangetastet von allen
deinen Feinden ringsum sicher und glücklich ruhst.
נתן לך נחלה לרשתה das Land, das er dir jetzt zur Besitznahme gibt, war
bereits deinen Vätern zugesagt, es kommt dir nur von ihnen als Erbe zu, auf daß
du es weiter auf deinen Kinder vererbest. Es ist nichts, was du aus eigener
Machtvollkommenheit besitzest. Der Pflichttreue in dem Gottesbunde mit deinen
Vätern verdankst du es, und nur durch Vererbung dieser Pflichttreue auf deine
Kinder wirst du ihnen das Land vererben.
תמחה את זכר עמלק (siehe 2 B.M. 17,14)
לא תשכח, vergiß dies nicht, wenn du je
hinüberschwanken und Amalek gleich nicht Pflicht, nicht Gott kennen und, in
kleinen oder grossen Dingen, nur Gelegenheit suchen wolltest, deine
Überlegenheit zum Schaden deiner Mitmenschen zu üben!
Vergiß dies
nicht, wenn du je deines Jissroélberufes und deiner Jissroélsendung in der
Mitte der Menschen vergessen und die Lorbeerkränze beneiden möchtest, die eine
betörte Welt dem Andenken glücklicher Menschenglückzerstörer flicht und den
tränengetränkten Boden vergißt, aus welchem der Lorbeer zu solchen Kränzen
erwächst.
Vergiß dies
nicht, wenn du je selbst unter Amalekrohheit und Gewalt zu leiden hast. Bleibe aufrecht! Bleibe bei der Menschlichkeit
und Rechtsachtung, die dein Gott dich gelehrt. Ihnen gehört die Zukunft,
Menschlichkeit und Gerechtigkeit bleiben Sieger über Rohheit und Gewalt, und du
selbst bist gesendet, durch dein Geschick und Beispiel diesen Sieg und die
Zukunft mitwirkend herbeizuführen.
לא תשכח vergiss dies nicht, und auf daß du es
nicht vergessest, זכור,
erneue dir von Zeit zu Zeit Amaleks Gedächtnis und das, was dir über deine
Zukunft gesagt ist –