vrijdag 20 september 2024

Parsha Pearls: Parshas Ki Savo


We Accepted the Three Oaths at Sinai

We Will Not Be Redeemed by Humans

Yosef Mokir Shabbos

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Ramban is teaching us that this promise to watch over us applies only when we have the atonement of living in exile. If the Jewish people were to go back and live in Eretz Yisroel before the atonement of exile is complete, even if the gentile nations gave them permission to do so, they would, G-d forbid, be vulnerable to those who wish to destroy them, for they would not have G-d’s special protection. A small community of Jews may live in Eretz Yisroel, since the decree of exile is being fulfilled with the majority of the nation. But a large scale movement in which nearly half the world’s Jews (5 million out of 12.9 million) live in Eretz Yisroel during exile is quite a dangerous phenomenon. (Vayoel Moshe 1:14)

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Rabbi Dov Ber Treivish, rav of Vilna during the Gaon’s lifetime, in his commentary Shir Chadash on Shir Hashirim, discusses the oath: “I have adjured you, daughters of Jerusalem, not to arouse or awaken the love before it is desired” (2:7). This oath occurs three times in Shir Hashirim, and the Gemora (Kesubos 111a) says that it refers to the Three Oaths that are in effect during the Jewish exile: not to go up as a wall, not to rebel against the nations, and that the other nations not subjugate the Jews too much. When and where, asks Rabbi Dov Ber, did the Jewish people accept this oath?

 He answers that at Mt. Sinai and again in the land of Moav, we accepted the entire Torah with a covenant and an oath. Included in that oath was the warning that if we would not keep the Torah, all the misfortunes listed in Parshas Bechukosai and Ki Savo would come upon us. These misfortunes culminate in our going into exile and living under the nations (Vayikra 26:33 and Devarim 28:64). Therefore, included in the oath of the Torah is the acceptance of the yoke of exile, not to rebel against it, and not to attempt to end it on our own. (Shir Chadash)

This resolves a question posed by the Satmar Rov in Vayoel Moshe 1:34. The halacha is that one cannot impose an oath on unborn people (Yoreh Deah 228:35). If so, how can the oaths at the giving of the Torah and the Three Oaths of exile apply to future generations who were not alive at the time the oaths were made? Regarding the oaths at the giving of the Torah, says the Satmar Rov, we can say as Chazal say (brought by Rashi on Devarim 29:14) that the souls of all Jews who would ever live, as well as the souls of converts who would later convert, were present at the giving of the Torah and at the covenant in Moav. But what about the Three Oaths?

He answers based on the Midrash Rabbah (Yisro 28) that all the words of the prophets were derived from Sinai, and thus the scroll of Shir Hashirim, in which the Three Oaths are written, was said then as well. The Avnei Nezer (Yoreh Deah 454) answers that the oath was imposed on the roots of the Jewish souls in Heaven, and the gentiles’ oath was imposed on the angels of each nation. But according to the Shir Chadash the question is answered simply: the command to stay in exile until the redemption comes is implicit in the warnings of the Torah about exile, which were accepted under oath.

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Full Reading:

https://torahjews.org/2023/11/26/parsha-pearls-parshas-ki-savo

Tags:

Rambam – Shir Chadash – Shir ha Shirim – Midrash Rabba -  Avnei Nezer – Yore Deah –

 

maandag 16 september 2024

Rabbiner Samson Raphael HIRSCH Aus seinem Kommentar zur Wochenabschnitt Ki Ssétzé


 Rabbiner Samson Raphael HIRSCH


פרשת כי תצא

    Aus seinem Kommentar zur Wochenabschnitt Ki Ssétzé:

 

Kap.23 V.4: Es komme nicht ein Ammoniter und ein Moabiter in die Versammlung Gottes; auch das zehnte Geschlecht komme von ihnen nicht in die Versammlung Gottes auf ewig.

V.5 Weil sie euch nicht mit Brot und Wasser auf der Wanderung entgegengekommen sind, als ihr aus Mizrajim zoget, und weil er wider dich Bileam, den Sohn Beors aus Pethor Aram Naharajim, gedungen, dich zu fluchen,

V.6 und Gott, dein Gott, Bileam kein Gehör zuwenden wollte, vielmehr Gott, dein Gott, dir den Fluch in Segen umwandelte, weil Gott, dein Gott, dich liebte.

V.7 Deren Friede und Wohl sollst du alle deine Tage auf ewig nicht suchen.

Kap. 25 V. 4 – 7  לא יבא עמוני ומואבי וגו' Jebamoth 76b wird als Halacha gelehrt: עמוני ומואבי אסורים ואסורין אסור עולם אבל נקיבותיהם מותרות מיד, von Ammon und Moab sind die Männlichen selbst nach ihrem Übertritt zum Judentum in allen Folgegeschlechtern für den jüdischen Ehekreis אסור, die weibliche sind jedoch sofort nach ihrem Übertritt zum Judentum für den jüdischen Ehekreis gestattet; das Verbot trifft nur den Ammoniter und den Moabiter, nicht aber die Ammoniterin und Moabiterin, עמוני ולא עמונית מואבי ולא מואבית. Motiviert wird die Halacha mit Hinweis auf die im Gesetzte gegebene Motivierung des Verbotes: על דבר אשר לא קדמו אתכם בלחם ובמים, weil die internationale Menschlichkeit nicht geübt, an ihr Gebiet vorüberziehende von langer Wüstenwanderung ermattete Menschen mit Speise und Trank zu laben, דרכו של איש לקדם ולא דרכה של אשה לקדם, die öffentliche Ausübung solcher internationalen Humanität aber zunächst von den Männern abhängt. Die Frauen trifft den Vorwurf nicht. Nicht zu übersehen dürfte auch der Wechsel des Numerus sein. Der Vorwurf der unterlassenen Labung wird im Plural ausgesprochen, לא קדמו וגו'; es ist dies ja eine internationale Menschenpflicht, die von jedem einzelnen ihre Erfüllung erwartet. Der Versuch, Israel durch Fluchen zu vernichten, war aber von der nationalen Spitze, dem Könige von Moab, versucht worden und spricht sich darin nicht sowohl die völkerfeindliche Gesinnung der einzelnen Nationalen, als die der Nation im Ganzen aus: Dieser Fluchversuch steht daher in der Einheit שכר עליך וגו'.

Diese internationale Härte, Schroffheit und Unmenschlichkeit ist es auch, die Moab noch von den späteren Propheten vorgeworfen wird. Im Anblick der über Moab hereinbrechenden Katastrophe wird Jesajas 15 u. 16 darauf hingewiesen, wie alle Nachbarbevölkerungen über Moab zu schreien hatten, כי הקיפה הזעקה את גבול מואב, wie in der Ferne man nur von Moabs Hochmut und Stolz und blindem Wüten, גאותו וגאונו ועברתו, hörte, so daß (daselbst) als einziges das Verhängnis noch vielleicht abwendendes Sühnemittel die Belehrung zur Milde und die Betätigung derselben gegen unglückliche Flüchtlinge Moab auf der Mittagshöhe seines Glückes angeraten wird. „Schaffe Rat“, ruft im Jesajas zu, „übe Überlegung, mache, als wär’s schon Nacht deinen Schatten im hellen Mittag, birg Verwiesene, verrate keinen Flüchtling, daß meine Verwiesenen bei dir eine Stätte finden, Moab, sei ihnen Schutz vor dem Räuber; denn Erpressung  hört auf, Raub geht zu Enden es schwindet der Gewaltstritt von der Erde, und in Milde wird ein Thron errichtet u.s.w.“

Wenn nach der Halacha  an diesem Mangel internationalen Humanitätsgefühls, an diesem partikularen Nationalhochmut die moabitischen Frauen keinen Anteil hatten, so ist dies solchen Männern zur Seite doppelt hoch anzurechnen, und wohl dürfte in der Brust jener menschlich edeln Moabiterin Ruth, der großen Mutter des Davidischen Geschlechtes, die Flamme einer solchen alle Völkerscheiden überbrückenden Menschenliebe hell geleuchtet und einigen Anteil an dem Geist gehabt haben, der in den Harfentönen ihres Enkels den einstigen Morgen einer um Gott vereinten Völkergesamtheit singt und der Herold dieser Morgenröte inmitten der Menschheit geworden ist – מאי רות אר"י שזכתה ויצא ממנה דוד שריוהו להב"ה בשירות ותשבחות (Berachoth 7b)

Kap. 25 V.17 Gedenke dessen, was dir Amalek getan, als ihr als Mizrajim zoget.

Kap.25 V. 17 זכור וגו' Das Fernhalten von jedem עול, von dem Mißbrauch jeder, sei es auch nur momentanen Überordnung (עול) über den andern zu dessen Schaden, von dem Missbrauch eines jeden Vertrauens, das ein Mensch in den andern setzen muss, wenn überall ein Zusammenleben der Menschen möglich sein soll, das Durchdrungensein von der Überzeugung, daß wir nur so lange Gott nennen dürfen, als wir ängstlich das kleinste Unrecht gegen seine Menschen auf Erden scheuen, und die daraus hervorgehende fleckenloseste Rechtschaffenheit in unserem Verkehr mit Menschen, das war der letzte Zug, den das Gesetz für das Charakterbild des von ihm zu leitenden und nach ihm zu nennenden Volkes gezeichnet. Das Volk, in dessen Nationalcharakter die Züge des Mitgefühls, der Rücksicht, der Milde, des Wohltuns gegen alles, was lebt hervorleuchten sollen, wie dazu die letzten Kapitel des  Gottesgesetzes wiederholt gemahnt, das überall bereit sein soll, „wohl“ zu tun, dem solle es in allerersten Linie unmöglich werden, „wehe“ zu tun, das soll im vollendetsten Ideal als „ישרון“ (Kap. 33, 26) über die Erde wandeln, in dessen Verkehr mit Menschen solle es als ישר, als das geradeste, rechtschaffenste, biederste unter den Völkern sich ankündigen, und שארית ישראל, diejenigen, die alle Zeiten und alle Prüfungen für die einstige jüdische Vollendung durchdauern, erblickt das Prophetenwort in denjenigen, welche „Kein Unrecht tun, keine Täuschung reden und in deren Mund sich keine Zunge des Truges findet; sie allein finden Weide und Ruhe, sie allein haben, vor nichts und niemand zu zittern“ שארית ישראל לא יעשו עולה ולא ידברו כזב ולא ימצא בפיהם לשון תרמית כי המה ירעו ורבצו ואין מחריד (Zefanja 3, 13).

 Den geraden Gegensatz zu diesem aus Gerechtigkeit und Liebespflicht gewobenen Charakterbilde eines Volkes, das nur in gewissenhafter  Pflichttreue seine Macht und seine Zukunft erblicken, und durch deren Vorgang die ausschließliche Pflichthuldigung einst das Anteil der Gesamtmenschheit werden soll, bildet eine Völkergröße, die, wie Amalek, nur in dem Schwerte ihre Macht und in den Niedertreten aller ungerüsteten Schwächern ihre Ruhmesfreude findet. Sie trat bereits bei dem ersten Hineintreten des Volkes der siegreichen Pflichttreue in die Völkergeschichte (2 B.M. 17, 8-16) diesem feindlich entgegen und ihr ward (daselbst) gleich bei diesem ersten gegensätzlichen Versuch das einstige Verschwinden aus dem Gedächtnis der Völker verkündet (siehe daselbst).

Die nunmehr mit ihrer Pflichtaufgabe in das Land des Gesetzes zu dessen treuer Erfüllung Einziehenden werden daher hier auf diesen ausgesprägtesten Gegensatz, und zwar zu dauernder Erinnerung, nochmals hingewiesen, in den einzelnen Zügen seines Auftretens ihnen dieser Gegensatz zu ihrer Bestimmung zum klarsten Bewusstsein gebracht, und – während dort der Kampf gegen Amaleks Völkerprinzip bis zu dessen völligem Verschwinden als Inhalt aller völkergeschichtlichen Gotteswaltungen auf Erden verkündet ist – wird hier Jissroél aufgefordert, sich als mitwirkendes Werkzeug für diesen Gotteskampf gegen Amalek zu begreifen und zu bewähren, aus dessen die Menschen irreführenden, mit seinem Glanze blendenden Ruhmeslorbeer das letzte Blatt eben dann fallen werde, wenn nicht vor einem stärkeren Schwerte sein Schwert, wenn vor einer nur auf Pflichttreue gegen Gottes Sittengesetz aufgeblüht stehenden, nur von Gott getragenen Macht Amaleks Schwert zusammenbricht.

בדרך בשעת טירופיכם בצאתכם, את אשר עשה לך עמלק בדרך בצאתכם ממצרים (ספרי) eure Gesamtheit (לך) war בדרך, auf der Wanderung begriffen, von ganz anderen Gedanken und Sorgen, als von Kriegsgedanken eingenommen; es war die Wanderung einer heimatlosen Menge mit Frauen und Kindern in der Wüste, deren Lage menschliche Teilnahme von jedem menschlich Fühlenden und nicht Feindseligkeit hätte erwarten dürfen. Und über jedem einzelnen von euch (בצאתכם) schwebte noch die Bekundung des einen Einzigen unsichtbar gegenwärtig, der seine Fesseln gebrochen und ihn aus der Knechtschaft einer solchen Macht wie Mizrajim zur Freiheit geführt, eine Tatsache, die den Wehrlosen von euch zu Schirm und Schild gegen jeden mutwilligen Angriff hätte dienen müssen.

מקרה, אשר קרך בדרך ist ja das, was für sie den davon Betroffenen außer alle Berechnung und Erwartung geschieht (siehe 1 B.M. 24,12). Du zogst deines Weges und hattest gar keine Veranlassung, einen feindlichen Überfall zu vermuten. Sein Angriff war völlig unprovoziert, war von purer Freude an Menschenschlächterei, oder von einer Ahnung der Gefahr getrieben, die aus dem mit dir in die Geschichte einziehenden Prinzipe der reinen Menschlichkeit und Pflichttreue seinem Prinzipe der Schwertgewalt zu drohen begann.

זנב, ויזנב בך, der Schweif (so rabb. סניף: Anhängsel, das Nebensächliche, einem Hauptkörper Anhängende, und צנף: die Anhängsel, Enden, mit einem Hauptkörper verbinden, zusammenrollen), hier: die Nachzügler, und זנב, Piel (wie סעף) entasten): die Nachzügler von dem Haupttrupp abschneiden, oder niedermachen. כל הנחשלים אחריך חשל (verwandt mit חסל: abfressen, zu Ende bringen, אזל schwinden, עצל träge) Daniel 2,40: פרזלא מהדק וחשל כלה Eisen zerschlägt und vernichtet alles, bezeichnet jedenfalls eine Schwächezustand, ähnlich wie das versetzte חלש: also: alle, die dir nur schwach nachfolgen konnten, aus Schwäche zurückblieben. ואתה עיף ויגע, du selbst – das ganze Volk, der Hauptkörper selbst – warst matt und abgemüht. Es waren also die Schwächsten, die selbst einer langsamen Fortbewegung nicht folgen konnten, die er überfiel. Ihn lud somit nicht Schwäche zu Mitleid und Schonung, sondern zu roher, höhnender Mißhandlung.

ולא ירא אלדי' und er sah nicht Gott, der für den Schwachen eintritt gegen die Faust des Starken, und hatte keine Scheu vor Ihm.

 V.19 So sei es denn: wenn Gott, dein Gott, dir Ruhe gegeben haben wird von allen deinen Feinden ringsum in dem Lande, welches Gott, dein Gott, dir als Erbe zur Besitznahme gibt; sollst du das Andenken Amaleks von unter dem Himmel weglöschen; vergiß dies nicht.

 V.19 והיה בהניח וגו' wenn Gott dir dein Gott ist, wenn du, im geraden Gegensatz zu allen diesen Amalekzügen, all dein Tun nach seinem Willen richtest und all dein Sein Ihm anheim stellst und du so – nicht durch dein Schwert und deine Macht – durch den mit deiner Pflichttreue gewonnenen Gottesschutz, in dem dir von Gott angewiesenen Lande, unangetastet von allen deinen Feinden ringsum sicher und glücklich ruhst.

נתן לך נחלה לרשתה das Land, das er dir jetzt zur Besitznahme gibt, war bereits deinen Vätern zugesagt, es kommt dir nur von ihnen als Erbe zu, auf daß du es weiter auf deinen Kinder vererbest.  Es ist nichts, was du aus eigener Machtvollkommenheit besitzest. Der Pflichttreue in dem Gottesbunde mit deinen Vätern verdankst du es, und nur durch Vererbung dieser Pflichttreue auf deine Kinder wirst du ihnen das Land vererben.

תמחה את זכר עמלק (siehe 2 B.M. 17,14)

לא תשכח, vergiß dies nicht, wenn du je hinüberschwanken und Amalek gleich nicht Pflicht, nicht Gott kennen und, in kleinen oder grossen Dingen, nur Gelegenheit suchen wolltest, deine Überlegenheit zum Schaden deiner Mitmenschen zu üben!

Vergiß dies nicht, wenn du je deines Jissroélberufes und deiner Jissroélsendung in der Mitte der Menschen vergessen und die Lorbeerkränze beneiden möchtest, die eine betörte Welt dem Andenken glücklicher Menschenglückzerstörer flicht und den tränengetränkten Boden vergißt, aus welchem der Lorbeer zu solchen Kränzen erwächst.

Vergiß dies nicht, wenn du je selbst unter Amalekrohheit und Gewalt zu leiden hast. Bleibe aufrecht! Bleibe bei der Menschlichkeit und Rechtsachtung, die dein Gott dich gelehrt. Ihnen gehört die Zukunft, Menschlichkeit und Gerechtigkeit bleiben Sieger über Rohheit und Gewalt, und du selbst bist gesendet, durch dein Geschick und Beispiel diesen Sieg und die Zukunft mitwirkend herbeizuführen. 

לא תשכח vergiss dies nicht, und auf daß du es nicht vergessest, זכור, erneue dir von Zeit zu Zeit Amaleks Gedächtnis und das, was dir über deine Zukunft gesagt ist –

Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH Aus dem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes Ki Ssetzé


Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH

              (1833 – 1900)

 

הפטרת פרשת כי תצא

   Aus seinem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes Ki Ssetzé

 

GOTT IST UNSER VATER, ZIJAUN UNSERE MUTTER

 

Haftoro und Kommentar sind dieselbe als  Anfang Wochenabschnitt נח Jesajas Kap. 54

 

Der Wochenabschnitt des Gotteswortes zeigte uns die gewaltige Katastrophe, von der die Erde und ihre Wesenschar nach dem Ratschluss des barmherzigen Gottes getroffen wurde. Sie erschien als Verderben und war die Rettung, sie erschien als der Untergang und war die Erhaltung. Zu Grunde ging das Entarte, erhalten wurde und befreit von der Überwucht des Entarteten das die reine Keime einer reinen Zukunft in sich Bergende. Auf der neu gestalteten Erde sollen die alten ewigen Waltungsziele Gottes erreicht werden. Gottes Wille wird unter allen Umständen ausgeführt, sein Wort ist das unerschütterlich feststehende, es ist das einzig Unbedingte und findet seine Verwirklichung, auch wenn ganze Generationen des Menschengeschlechtes sich dagegen verschworen hätten – das ist die ernste Mahnung, aber auch die trostreiche Verheißung, die aus diesem Wochenabschnitt uns entgegentönt.

Eines der Waltungswerkzeuge zur Erreichung dies Ziele ist die Abrahamsfamilie, das jüdische Volk als Träger der göttlichen Offenbarung. Allein auch dieser Träger der Lehre vom Menschen-Ideale hielt sich nicht rein. Der menschheitspriesterlich den anderen voranschreiten sollte den Gottesweg zum Baum des Lebens, versank selbst in der großen Mehrzahl seiner Glieder in die Entartung, aus der er die anderen retten sollte, und unsere ehre geistige Mutter Zijaun hatte den Schmerz, von ihren Kindern sich verlassen zu sehn. Der größte Teil, das Reich Israel, ward gänzlich entfremdet. Allein auch der kleinere Teil, das Reich Juda, der noch in Jerusalem seinen Mittelpunkt erblickte und das Band, das ihn mit Zijaun vereinigte, wenigstens äußerlich noch nicht gänzlich zerrissen hatte, entsprach so wenig seiner Bestimmung, daß auch der jüdische Staat vernichtet, der Tempel zerstört und das Volk durch wiederholt über es hereinbrechende Verhängnisse über die weite Erde zerstreut wurde. Es war ein partielles מבול, eine partielle „Entseelung“, von der alle diejenigen Güter und Bestrebungen und äußeren Errungenschaften getroffen wurden, in denen die verblendeten Sprossen des Menschheitspriestervolkes ihre Lebensziele erblickt und in denen sie geglaubt hatten, mit den anderen Völkern wetteifern zu sollen. Allein auch diese Katastrophe, so lehrt uns unser Prophetenwort, erschien nur als Vernichtung. Sie war die Rettung. Sie erschien als Untergang, sie war die Erhaltung. Nicht Verlust, sondern Wiedergewinnung, oder vielmehr erst wirkliche wahrhafte Gewinnung ihrer Kinder bedeutet deren Galuth für unsere Mutter Zion.

Unser Prophetenwort versetzt uns nun in den heißersehnten Augenblick, in welchem das Galuth sein Läuterungs- und Erziehungswerk an uns vollbracht haben wird. Es bringt die frohe Kunde davon, diese wahrhaftige Heilesbotschaft, der so lange einsam trauernden Mutter.

 Kap. 54, Vers 1-3 Gott ist unser Vater; Zijaun, die Personifikation der Thora, wie diese in dem Gottesheiligthume ihre Stätte hatte und hier die symbolische Vergegenwärtigung ihrer Anforderungen und Segenswirkungen darbot, Zijaun ist unsere Mutter. Ihre Kinder haben sie lange verkannt und verlassen. Jetzt nun wird ihr die Freudenbotschaft, aß mehr heimkommen als sie je bei sich geschaut. Was die Zeit der Selbständigkeit und des Glückes an den um das sichtbare Gottesheiligthum Versammelten nicht vermocht, die Prüfungsjahrhunderte des Galuth haben es vollbracht. Die räumlich Fernen sind die geistig Nahen geworden. Die einst geistig und sittlich Entfremdeten kehren als Söhne und Töchter zurück. – וזרעך גוים יירש וגו'. So lange bleibt das jüdische Land im Besitze der Völker und harret trauernd der Rückkehr Jissroéls; bis dahin sind die Stätte ,נשמות verödet, die Blüte des Landes ist an die Heimkehr Jissroéls geknüpft. Vergl. 3 B.M. 26,34.

 V.4. Gieb dich rückhaltlos der Freude hin, fürchte nicht du könntest enttäuscht werden, die Rückkehr deiner Kinder könnte sich nur als eine zeitweilige, ihre Besserung als nur der vorübergehend erweisen. Nur zu oft hat Zion während der Zeit ihrer Verlassenheit Phasen der Erhebung und des begeisterten Aufschwunges ihrer Kinder erlebt, den immer wieder ein Rücksinken in die alte Nacht folgte. Jetzt aber ist die Erziehung ihrer Kinder vollendet, die Schule der Leiden hat für ihre Kinder, und damit die Zeit des Grames für die Mutter ihr Ende erreicht.

V.5 וגואלך וגו' אלהי כל הארץ יקרא. Mit dieser sittlichen Vollendung Jissroéls Hand in Hand geht die Erhebung der Gesamtmenschheit: der dein Erlöser ist, der Jissroél durch seine Gesetze heiligt, der wird jetzt von der ganzen Erde anerkannt.

 

(Die Haftoroth übersetzt und erläutert, Frankfurt am Main 1896: S. 11-13  Kommentar zu Jesajas Kap. 54 V.1…) 

 

Samson Raphael HIRSCH „Jahreswende“

  https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/titleinfo/1909927