Rabbiner Dr. Salomon BREUER
(1850 – 1926)
שפטים
Belehrung und Mahnung zur Wochenabschnitt
SCHAUFETIM
(Auszug)
* Diese Abschiedsrede (gehalten im Jahre 5656/1896, in der Absicht, das Rabbinat der Schiffschul-Gemeinde in Wien überzunehmen) empfing 30Jahre später den Charakter eines ergreifenden Vermächtnisses und würde aus diesem Grunde dieser Sammlung eingereiht.
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Und nun scheide ich von Ihnen, meinen Brüdern und Schwestern, scheide von dieser Gemeinde, die mich der großen Ehre gewürdigt hat, Gesetzeslehrer in ihrer Mitte zu sein – aber in diesem Scheiden liegt nichts ungewöhnliches. Der einzelne, und mag der der Bedeutendste sein, unterliegt im Leben der Gemeinde dem Wechsel und der Vergänglichkeit, nur die Gemeinde als solche kennt den Tod nicht und spottet der Vergänglichkeit. Als daher Mosche von seinem Volke Abschied nahm, richtete er, nach den Worten der Weisen, die Aufmerksamkeit seines Volkes auf die Vergänglichkeit der Führer und die Unvergänglichkeit der Gesamtheit: אתם נצבים Ihr seid die Bleibenden! עשאן מצבה er machte sie zum Zeiten überdauernden Denkmal des Gottesgesetzes auf Erden. Und wie Mosche, so handelten Jehoschua und Schemuel, als sie von ihrem Volke Abschied nahmen. – Auf den Führer, und mag er selbst ein Mosche sein, kann auf die Dauer nicht gerechnet werden, die Gemeinde ist die מצבה, die allen Wechsel überdauert. Weil aber bei jedem Wechsel des Führers in der Gemeinde gar leicht die Gefahr eines Prinzipienwechsels droht, hat gerade in solchen Zeiten die Gemeinde als מצבהsich zu bewähren, die mit eiserner, unerschütterlicher Festigkeit allen Gefahren zu begegnen und nicht zu ruhen hat, bis ihr der Führer geworden, in dessen Hände sie vertrauensvoll ihre heiligsten Güter legen kann.
אתם נצבים rufe ich auch Ihnen, meine Brüder und Schwestern, zu! Oh, daß ich die Kraft hätte, Sie allen mit dem großen Bewußtsein der heiligen Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, die Ihrer nunmehr harren, daß Sie als מצבה sich bewähren möchten, um mit eisernen, unerschütterlichen Festigkeit die heiligen Güter zu schützen, deren Hut Ihnen anvertraut ist! Mehr als irgend einer Gemeinde erwächst unsere Kehilla die teuerste, heiligste Pflicht, als מצבה sich zu bewähren.
השביעני במרורים הרוני לענה klagt der Prophet: „Er hat mit Bitterkeit mich gesättigt, mich getränkt mit Wermut“ (Echa 3,15) ממה שהשביעני במרורים בלילי פסח הרוני לענה בליל ט"ב kommentieren die Weisen: die Moraursättigung der Peßachnacht hat mir Wermut gegeben in der Nacht des Tischo-B’aw. – Der Gedanke dürfte folgender sein. Der Verlust eines über Nacht, mühelos gewonnenen Schatzes schmerzt lange nicht so sehr wie der Verlust eines Schatzes, den man durch die Kraft und Mühe errungen hat; diesen verlieren zu müssen, für dessen Erwerb keine Mühe zu groß war und keine Sorgen erspart blieb, schmerzt bis tief in der Seele. Das gilt auch für den Verlust unserer staatlichen Selbständigkeit und unsrer Heiligtümer, die wir jährlich am Tischo-B’aw beweinen. Wie schwer war doch der Leidensweg, auf dem wir sie errungen: וימררו את חייהם das Moraur der Sederabende erzählt von dem bitteren Leidensweg des mizrischen Galuth, auf dem wir zum Volke wurden und dadurch in den Besitz der heiligsten Güter gelangten. Umso größer der Schmerz, nun trotzdem das alles eingebüßt zu haben: השביעני במרורים הרוני לענה das Moraur der Sederabende hat uns die Bitterkeit der Tischo-B’aw-Nacht nur noch erhöht! –
Unter schweren und bitteren Kämpfen, unter Moraur-Sättigung sondergleichen ist der Boden erstritten worden, auf dem unsere Kehilla unter Gottes Hilfe sich erhebt, unter unendlichen Kämpfen, mit מסירת הנפש sind die Güter errungen worden, die unsere Kehilla zum Segen gereichten und ihr die Geltung in der großen jüdischen Welt bereiteten. Unsagbar bitter, ja äußerst schmerzlich wäre es, wenn man sich sagen müßte, daß von allen diesen herrlichen Gütern auch nur eines verloren gehen oder gar die Grundlage, auf der unsere Kehilla sich erhebt, ins Schwanken geraten und dem verhängnisvollen פוסח על שתי הסעפים Platz machen könnte!
אתם נצבים, עשאן מצבה Siehe aber, dessen bin ich gewiß, werden sie als unvergängliche, nicht zu erschütternde מצבה erweisen, werden sich mit aller Kraft dafür einsetzen, aß das heiligste Gut Ihrer Kehilla, das heiligste, köstliche Vermächtnis Ihrer Väter ע"ה unversehrt einst auch Ihren Kindern überantwortet werde, auf daß Sie, wenn Sie einst nach einem langen, gesegneten Leben der Pflicht von Gott heimgerufen werden zu Ihren Vätern, von ihnen als ihre Kindern Kinder ihres Geistes und Wollens, erkannt werden. – Dann wird es Ihnen auch gelingen die Aufgabe zu lösen, die Ihrer harrt und deren Lösung zu keiner Zeit leicht war, die selbst einem Mosche schwerste Sorge bereitete, יפקד ה' אלקי הרוחת לכל בדר איש על העדה daß Sie mit Gott dieser Gemeine einen Mann, Heiligtümer anvertrauen kann, der mit der Helle seines Geistes, mit der Größe seines Wissens und der Festigkeit seines Willens das fortsetze und vollende, was zu verwirklichen meiner schwachen Kraft nicht beschieden war.
So scheide ich denn von Ihnen, meine Brüder und Schwestern, scheide von dem Amte, an dem ich mit jeder Faser meines Herzens hing, scheide von der Gemeinde, deren Wohl und Wehe Gegenstand meiner ängstlichsten Sorge war: Dank der verehrlichen Verwaltung unserer Gemeinde für das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte, Dank den verschiedenen Kommissionen, vor allem der Jeschiwa-Kommission, den Männern und Frauen, die der Förderung des למוד התורה verständnisvoll ihre Kraft geliehen, unterstützen, Dank allen Freunden, die mich in meinem heiligen Amt tatkräftig unterstützten, Dank meinen etwaigen Gegnern, die mich in meiner Überzeugungstreue nur bestärkten und den Beweis mir gaben, daß ich den rechten Weg gegangen. – Mit dem Gefühle unaussprechlicher Ergriffenheit nehme ich Abschied von dieser heiligen Stätte, Abschied von allen Brüdern und Schwestern, den anwesenden und abwesenden, die als Glieder unserer Kehilla sich begreifen. – Und wenn Sie meiner nicht ganz vergessen möchten, dann haben Sie Nachsicht mit einem schwachen Menschen, der gar vieles gewollt und erstrebt und doch nicht alles verwirklichen konnte, der aber mit dem beglückenden Bewußtsein scheiden durfte, das Seine voll und ganz getan zu haben. –
ה' אלקי אבותכם יסף עליכם ככם אלף פעמים ויברך אתכם Gott segne euch alle, alle, gebe euch Kraft und Mut und Ausdauer, daß ein jeder von euch freudig auf dem Posten ausharre und seine Pflicht erfülle, die Gott von ihm erwartet. Dient aber euer Leben und das Leben eurer Kinder den heilig großen Zielen, die ה' צבאות seinem Volke gesteckt, dann dürft ihr voll Vertrauen euch der Führung eures Gottes hingeben nach der Prophetenbotschaft unserer heutigen Haftora: „Nicht in Eile braucht ihr hinauszuziehen, nicht in fluchtähnlicher Hast dahinzugehen, denn es wandelt vor euch Gott, und der eure Nachhut bildet, ist Gott Jissroéls“ כי לא בחפזון תצאו ובמנוסה לא תלכון כי הלך לפניכם ה' ומאספכם אמן – אלקי ישראל .
Quelle: Rabbiner Dr. Salomon BREUER Belehrung und Mahnung fünfter Teil Deuteronomium J. Kauffmann Verlag Frankfurt am Main 1936 S.30-39





