donderdag 20 augustus 2026

„In vier Worte, das ganze Programm des Judentums“

 

Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH

              (1833 -1900)

  

לִנְטֹעַ שָמַיִם וְלִיסֹד אָרֶץ !



Aus seinem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes Schaufetim

 

Kap 51, Vers 16 in: „Die Haftoros“ Frankfurt am Main (1896)

 


 

 

donderdag 13 augustus 2026

Rabbiner Dr. Salomon BREUER „Belehrung und Mahnung“ Schaufetim


Rabbiner Dr. Salomon BREUER

                (1850 – 1926)

 

שפטים

 

Belehrung und Mahnung zur Wochenabschnitt

SCHAUFETIM

(Auszug) 

* Diese Abschiedsrede (gehalten im Jahre 5656/1896, in der Absicht, das Rabbinat der Schiffschul-Gemeinde in Wien überzunehmen) empfing 30Jahre später den Charakter eines ergreifenden Vermächtnisses und würde aus diesem Grunde dieser Sammlung eingereiht.

Und nun  scheide ich von Ihnen, meinen Brüdern und Schwestern, scheide von dieser Gemeinde, die mich der großen Ehre gewürdigt hat, Gesetzeslehrer in ihrer Mitte zu sein – aber in diesem Scheiden liegt nichts ungewöhnliches. Der einzelne, und mag der der Bedeutendste sein, unterliegt im Leben der Gemeinde dem Wechsel und der Vergänglichkeit, nur die Gemeinde als solche kennt den Tod nicht und spottet der Vergänglichkeit. Als daher Mosche von seinem Volke Abschied nahm, richtete er, nach den Worten der Weisen, die Aufmerksamkeit seines Volkes auf die Vergänglichkeit der Führer und die Unvergänglichkeit der Gesamtheit: אתם נצבים Ihr seid die Bleibenden! עשאן מצבה er machte sie zum Zeiten überdauernden Denkmal des Gottesgesetzes auf Erden. Und wie Mosche, so handelten Jehoschua und Schemuel, als sie von ihrem Volke Abschied nahmen. – Auf den Führer, und mag er selbst ein Mosche sein, kann auf die Dauer nicht gerechnet werden, die Gemeinde ist die מצבה, die allen Wechsel überdauert. Weil aber bei jedem Wechsel des Führers in der Gemeinde gar leicht die Gefahr eines Prinzipienwechsels droht, hat gerade in solchen Zeiten die Gemeinde als  מצבהsich zu bewähren, die mit eiserner, unerschütterlicher Festigkeit allen Gefahren zu begegnen und nicht zu ruhen hat, bis ihr der Führer geworden, in dessen Hände sie vertrauensvoll ihre heiligsten Güter legen kann.

אתם נצבים rufe ich auch Ihnen, meine Brüder und Schwestern, zu! Oh, daß ich die Kraft hätte, Sie allen mit dem großen Bewußtsein der heiligen Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, die Ihrer nunmehr harren, daß Sie als מצבה sich bewähren möchten, um mit eisernen, unerschütterlichen Festigkeit die heiligen Güter zu schützen, deren Hut Ihnen anvertraut ist! Mehr als irgend einer Gemeinde erwächst unsere Kehilla die teuerste, heiligste Pflicht, als מצבה sich zu bewähren.

השביעני במרורים הרוני לענה klagt der Prophet: „Er hat mit Bitterkeit mich gesättigt, mich getränkt mit Wermut“ (Echa 3,15) ממה שהשביעני במרורים בלילי פסח הרוני לענה בליל ט"ב kommentieren die Weisen: die Moraursättigung der Peßachnacht hat mir Wermut gegeben in der Nacht des Tischo-B’aw. – Der Gedanke dürfte folgender sein. Der Verlust eines über Nacht, mühelos gewonnenen Schatzes schmerzt lange nicht so sehr wie der Verlust eines Schatzes, den man durch die Kraft und Mühe errungen hat; diesen verlieren zu müssen, für dessen Erwerb keine Mühe zu groß war und keine Sorgen erspart blieb, schmerzt bis tief in der Seele. Das gilt auch für den Verlust unserer staatlichen Selbständigkeit und unsrer Heiligtümer, die wir jährlich am Tischo-B’aw beweinen. Wie schwer war doch der Leidensweg, auf dem wir sie errungen: וימררו את חייהם das Moraur der Sederabende erzählt von dem bitteren Leidensweg des mizrischen Galuth, auf dem wir zum Volke wurden und dadurch in den Besitz der heiligsten Güter gelangten. Umso größer der Schmerz, nun trotzdem das alles eingebüßt zu haben: השביעני במרורים הרוני לענה das Moraur der Sederabende hat uns die Bitterkeit der Tischo-B’aw-Nacht nur noch erhöht! –

Unter schweren und bitteren Kämpfen, unter Moraur-Sättigung sondergleichen ist der Boden erstritten worden, auf dem unsere Kehilla unter Gottes Hilfe sich erhebt, unter unendlichen Kämpfen, mit מסירת הנפש sind die Güter errungen worden, die unsere Kehilla zum Segen gereichten und ihr die Geltung in der großen jüdischen Welt bereiteten. Unsagbar bitter, ja äußerst schmerzlich wäre es, wenn man sich sagen müßte, daß von allen diesen herrlichen Gütern auch nur eines verloren gehen oder gar die Grundlage, auf der unsere Kehilla sich erhebt, ins Schwanken geraten und dem verhängnisvollen פוסח על שתי הסעפים Platz machen könnte!

אתם נצבים, עשאן מצבה Siehe aber, dessen bin ich gewiß,  werden sie als unvergängliche, nicht zu erschütternde מצבה erweisen, werden sich mit aller Kraft dafür einsetzen, aß das heiligste Gut Ihrer Kehilla, das heiligste, köstliche Vermächtnis Ihrer Väter ע"ה unversehrt einst auch Ihren Kindern überantwortet werde, auf daß Sie, wenn Sie einst nach einem langen, gesegneten Leben der Pflicht von Gott heimgerufen werden zu Ihren Vätern, von ihnen als ihre Kindern Kinder ihres Geistes und Wollens, erkannt werden. – Dann wird es Ihnen auch gelingen die Aufgabe zu lösen, die Ihrer harrt und deren Lösung zu keiner Zeit leicht war, die selbst einem Mosche schwerste Sorge bereitete, יפקד ה' אלקי הרוחת לכל בדר איש על העדה daß Sie mit Gott dieser Gemeine einen Mann, Heiligtümer anvertrauen kann, der mit der Helle seines Geistes, mit der Größe seines Wissens und der Festigkeit seines Willens das fortsetze und vollende, was zu verwirklichen meiner schwachen Kraft nicht beschieden war.

So scheide ich denn von Ihnen, meine Brüder und Schwestern, scheide von dem Amte, an dem ich mit jeder Faser meines Herzens hing, scheide von der Gemeinde, deren Wohl und Wehe Gegenstand meiner ängstlichsten Sorge war: Dank der verehrlichen Verwaltung unserer Gemeinde für das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte, Dank den verschiedenen Kommissionen, vor allem der Jeschiwa-Kommission, den Männern und Frauen, die der Förderung des למוד התורה verständnisvoll ihre Kraft geliehen, unterstützen, Dank allen Freunden, die mich in meinem heiligen Amt tatkräftig unterstützten, Dank meinen etwaigen Gegnern, die mich in meiner Überzeugungstreue nur bestärkten und den Beweis mir gaben, daß ich den rechten Weg gegangen. – Mit dem Gefühle unaussprechlicher Ergriffenheit nehme ich Abschied von dieser heiligen Stätte, Abschied von allen Brüdern und Schwestern, den anwesenden und abwesenden, die als Glieder unserer Kehilla sich begreifen. – Und wenn Sie meiner nicht ganz vergessen möchten, dann haben Sie Nachsicht mit einem schwachen Menschen, der gar vieles gewollt und erstrebt und doch nicht alles verwirklichen konnte, der aber mit dem beglückenden Bewußtsein scheiden durfte, das Seine voll und ganz getan zu haben. –

ה' אלקי אבותכם יסף עליכם ככם אלף פעמים ויברך אתכם Gott segne euch alle, alle, gebe euch Kraft und Mut und Ausdauer, daß ein jeder von euch freudig auf dem Posten ausharre und seine Pflicht erfülle, die Gott von ihm erwartet. Dient aber euer Leben und das Leben eurer Kinder den heilig großen Zielen, die ה' צבאות seinem Volke gesteckt, dann dürft ihr voll Vertrauen euch der Führung eures Gottes hingeben nach der Prophetenbotschaft unserer heutigen Haftora: „Nicht in Eile braucht ihr hinauszuziehen, nicht in fluchtähnlicher Hast dahinzugehen, denn es wandelt vor euch Gott, und der eure Nachhut bildet, ist Gott Jissroéls“ כי לא בחפזון תצאו ובמנוסה לא תלכון כי הלך לפניכם ה' ומאספכם אמןאלקי ישראל

Quelle: Rabbiner Dr. Salomon BREUER  Belehrung und Mahnung fünfter Teil Deuteronomium  J. Kauffmann Verlag Frankfurt am Main 1936 S.30-39

Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH Haftora des Wochenabschnittes Schaufetim

 


 Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH

              (1833 – 1900)

 

הפטרת פרשת שפטים 

 

   Aus dem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes SCHAUFETIM

(Auszüge)

 

… …

V.14 צעה und מהר sind Gegensätze. Jissroél, das scheinbar zurückbleibende, nicht „rasch vorwärtskommende“, geht schließlich noch am frühesten seine Erlösung entgegen; über alle ihm bereiteten Fallen, Gruben und Gefahren, das ist שחת, hebt sein Gott es hinweg, und Er trägt auch Sorge dafür, daß: ,לא יחסר לחמו daß es auch vor der Erreichung des Zieles nicht zu darben braucht.

 V.15 Jedoch nicht bedingungslos ist diese Verheißung. In dem Hinweis „dein Gott“ liegt die ernsteste Mahnung zur Rückkehr in allem, wo gefehlt wurde. Nur wo diese Bedingung erfüllt wird, ist kein Grund zum Zagen. Gott hat die Geschicke noch im letzten Augenblick in seiner Gewalt. Wenn du dich seiner Gnade würdig machst, so „gebietet erden Wogen des Verderbens Einhalt noch in dem Augenblicke, da sie über dich zusammenzubrechen drohen“ – denn: „ה' צבאות ist sein Name.“  Hier in doppelter Beziehung zu fassen: alle Wesen, auch die in seinem Dienste dich gefährdenden, gehorchen ihm, und: nur derjenige darf auf ihn hoffen, der sich in Wahrheit in seinen Dienst stellt.

 V.16. ואשים דברי בפיך וגו'. Da Gott Jissroél zum Träger Seiner Worte machte, es an die Menschheit sandte mit jener Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen, unabhängig von Rasse und Religion, von der gegen sie ausnahmslos zu übenden Gerechtigkeit und Liebe als höchster Liebespflicht, mit der Lehre von dem Einen Gotte, der seine Menschenkinder weder in Schlamme der Unsittlichkeit noch in der Verherrlichung der Gewalt vergossenen Strömen Blutes zu Grunde gehen lassen will – : da wußte Er, daß sein Volk mit dieser Lehre inmitten einer Gewalt vergötternden Völkermenge auf erbitterten Haß und fortgesetzte Anfeindung gefaßt sein müsse. Sollte es doch den Maßstab des Sittlich-Guten und Wahren überall da anlegen, wo sonst nur die Nützlichkeit, das Interesse entschied und entscheidet und vor allem der Erfolg angebetet wird. Deshalb heißt es hier: da ich dich mit einer die Gefahren so geradezu herausfordenden  Sendung hinaussandte, da hatte ich dich bereits von vornherein mit dem ganz besonderen Schutze meiner Waltung ausgestattet. Habe ich dich doch bestimmt 

לנטוע שמים וליסוד ארץ! In diesen vier Worten ist der ganze Inhalt des Judentums zusammengefaßt. Überall sonst sind in den Religionsvorstellungen der Menschen Himmel und Erde; Himmliches und Irdisches, Göttliches und Menschliches, Geistiges und Weltliches unversöhnliche Gegensätze. Wer den Himmel will, muß die Erde aufgeben. Das Diesseits ist der Feind des Jenseits, und ebenso umgekehrt. Als Inhalt des Judentums wird demgegenüber hier gelehrt: Nicht ein feindlicher Gegensatz besteht zwischen  dem Himmlischen und den Irdischen, des Zeitlichen und mit dem Ewigen, liegt des Menschen Heil. Den Himmel auf Erden bringen will das Gottesgesetz. Nicht Weltflucht sondern Aneignung, Gewinnung der Welt für das Göttliche ist sein Grundgedanke. Diese „Pflanzung des Himmlischen in den Boden des Irdischen“ bewirkt aber keine Verkümmerung des Irdischen, vielmehr gewinnt diese erst dadurch Festigkeit und Dauer. So pflanzen alle die Gesetze der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe die göttlichen Saaten des Heiles in den Boden der großen und kleinen Welt, die die Beziehungen des Menschen zum Menschen in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit darstellen. Und erst durch das Aufgehen dieser Saaten gewinnen diese sonst ewig schwanken Verhältnisse ihre eigentliche „Grundlage“, יסוד, als die Bedingung ihrer Festigkeit und Dauer. Ebenso wird durch jede Verwendung irdischer Habe zur Förderung von Menschenglück und Menschenwohlfahrt das Irdische selbst als Hülle und Werkzeug des Geistes gehoben und der sinnliche Genuß selbst dem Bereiche des Tierlebens enthoben und menschlich geadelt und geweihet. Nicht Ertötung und nicht Entfesselung, sondern Beherrschung der Sinnlichkeit ist das Ziel dieser Gesetze. Denn ein Doppelwesen, ein göttlicher Funke in irdischer Hülle, ist der Mensch. Erst die harmonische Gestaltung des Lebens, die beiden Seitengerecht wird, schafft den Frieden, den jeder widernatürliche Zwang vergebens erstrebt. – –  (Jes. 26,3)

ולאמור לציון עמי אתה. Denn Gott will das ganze Leben, nicht bloß eine Seite desselben. Denn nicht eine „Religionsgemeinschaft“, bei der bloß die Momente des im engeren Sinne so genannten „gottesdienstlichen“ Lebens nach besonderen Normen bestimmt werden, sondern: „mein Volk bist du“ – ein Volk, das in ausnahmslos allen Beziehungen des Einzeln- wie des Gesamtheits-, des „bürgerlichen“ wie des „religiösen“ Lebens das Gepräge der Gotteshörigkeit trägt. – Es ist das die einfache Konsequenz des eben ausgeführten Satzes vom „Pflanzen des Himmlischen in den Kreis des Irdischen“.

… …

Kap.52. V. 11 und 12 lenken wieder den Blick auf den großen Weg zurück, der zu diesem Ziele führt und auf die besonderen Aufgaben, die er Jissroél bringt. Die erste dieser Aufgaben heißt: סורו וגו' sich zurückhalten, fern halten, damit es nicht angesteckt werde von der sittlichen Rohheit seiner Umgebungen. Allem Edlen und Guten seiner Menschenbrüder innig zugewandt; in dem es ja so oft so glücklich ist nur die aufgegangenen Blüten der von ihm gebrachten Saaten zu begrüßen, soll es stets der Sorge eingedenk bleiben: טמא אל תגעו, sich durch kein Beispiel verführen zu lassen: „das Unreine berühret nicht!“ –

Der zweite große Mahnruf lautet: Denkt an eure Lauterkeit! Haltet euch lauter! Ihr seid Träger des Werkzeugs Gottes! Jedem Juden wird es damit aufs eindringlichste als ernsteste Pflicht ausgesprochen, sich selbst den strengsten Richter zu sein. Er kann sich vor seinem Gotte nie damit entschuldigen, andere seien in der Hochhaltung der Gewissenhaftigkeit in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, in der Übung der Pflichten der Rechtschaffenheit und Nächstenliebe auch nicht besser. Gesteigerte, nicht geminderte Pflichttreue fordert der jüdische Beruf. Nicht bloß äußere Legalität, Loyalität fordert das Judentum. Nicht mit knapper strenger Innehaltung  der scharfen Linien äußerer Gesetzlichkeit darf er sich begnügen. Das wackere Tatenleben soll der Ausfluß einer edlen, lauteren Gesinnung sein, wie sich nach dem Worte der Thora der Gottesliebe entspringt.  Dieses hohe Gefühl seiner Verantwortung als Menschheitspriester soll den Juden nie verlassen, er ist ja „Träger göttlichen Werkzeugs“. Diese כלי ה', „Werkzeug Gottes“ sind die Pflichten, die er zu üben, die Lehren, mit denen er sich zu durchdringen hat. Würde sein Leben mit die Pflichten, die er zu üben,  mit dieser Pflichtübung und diesen Lehren nicht im Einklang stehen, würde er die unbestechliche Geradheit, jene Rechtschaffenheit und Biederkeit, jene Nächstenliebe, zu denen ihm sein Judentum erziehen will, nicht im praktischen Leben ausnahmslos seinem jüdischen wie seinem nichtjüdischen Menschenbruder gegenüber bewähren, so würde er ja dieses „Werkzeug Gottes“ entehren, er würde dieses Werkzeug, mit dem er die Menschheit Gott zurückgewinnen soll, selbst jeder Kraft berauben, das lebendige Gotteswort würde „durch seine Hand“, d.h. durch sein Tatenleben, wie das Gotteswort es nennt „zur Leiche!“. Daher kommt es, aß nach jüdischer Anschauung eine gegen einen Nichtjuden geübte Unrechtfertigkeit vor Gott vor Gott noch  schwerer wiegt als die gegen einen Juden geübte.

 (Die Haftoroth übersetzt und erläutert, Frankfurt am Main 1896: S. 11-13  Kommentar zu Jesajas Kap. 51 V.12…) 

„In vier Worte, das ganze Programm des Judentums“

  Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH               (1833 -1900)     לִנְטֹעַ שָמַיִם וְלִיסֹד אָרֶץ ! Aus seinem Kommentar zur Haftoro des...