Rabbiner Samson Raphael HIRSCH
(1808-1888)
ויחי פרשת
Aus seinem Kommentar zur Wochenabschnitt
Wajechi (2)
Kap.49 V 1-2 Jaakob berief seine Söhne und sprach: Sammelt euch alle
in einem! Ich möchte euch sagen, was euch in der Hinterlassenschaft der Tage
treffen wird. 2. Haltet zusammen und höret, Söhne Jaakobs! Und höret auf euren
Vater Jissroél!
Kap. 49, V 1-2 …הקבצו ושמעו! Diese beiden Worte des sterbenden Vaters tragen die ganze
jüdische Geschichte bis zum אחרית הימים.
Materiell seid ihr בני יעקב,
eine machtlose Minorität. Weil ihr aber eine so machtlose Minderheit seid, הקבצו, haltet zusammen, wachset ineinander,
lasset euch nicht zerfallen, im קבוץ,
in der Eintracht liegt eure Stärke;– und שמעו בני יעקב; nur durch eins kann die materiell
schwächste Minderzahl der stärksten Majorität den Sieg abgewinnen, es ist der
Geist, es ist שמעו, es ist die Hingebung an
Geistiges darum: שמעו בני יעקב!
Habet ein Ohr, habet Sinn fürs Geistige, „durstet“ nach Geistigem, wie das Wort
in seiner Tiefe heißt (שמע
ist das geistige צמא),
schöpfet, drinket gerne Geist! Dies ist das Testament unseres Vaters Jakob.
„Eintracht und Geist“, darin erkennt er Stärke und Leben seiner Kinder, und
„wenn der Durst nach Geist in euch wach wird, so habet keinen anderen Durst als
nach den Überlieferungen eures Vaters Israel ושמעו אל ישראל אביכם,! Der Trunk aus dem jüdischen Born des
Geistes und einträchtiges Zusammenhalten, dahin lautet das älteste Vermächtnis
unseres sterbenden Vaters und das ruft uns noch das späteste Prophetenwort zu: והאמת והשלום אהב (Secharja 8,19).
V. 7 Fluch darum ihrem Zorne, denn er ist zu stark, und ihrer
Ausschreitung, denn sie war zu hart. Verteilen will ich sie in Jaakob und
zerteilen in Jissroél.
V.7…Es ist von tiefster Wichtigkeit,
daß hier sofort, bei der Grundlegung des jüdischen Volkes, jede, wäre es selbst
im Gesamtinteresse, das Sittengesetze und das Recht vermehrende Ausschreitung
mit Fluch belegt wird. Alle anderen Staaten und Völker vindizierten sich das
Prinzip, daß das Gesamtinteresse alles heiligt, List und Gewalt, die im
Privatleben mit Verachtung und Galgen bestraft würden, für vermeintliches
Staatswohl geübt, mit Bürgerkronen und Lorbeer zu belohnen seien, das
Sittengesetz nur fürs Privatleben gelte, Politik und Diplomatie aber nur den
Kodex des Interesses kennen dürfen. Das Grundvermächtnis des jüdischen Volkes
belegt hier selbst für das gerechteste Ziel im Gesamtinteresse geübte List und
Gewalt mit Fluch und verewigt die Lehre, daß selbst im Gesamtleben und für die
Gesamtheit nicht nur die Ziele, sondern auch die Mittel und Wege rein sein
müssen.–
Es wird jedoch nur ihr אף und ihre עברה mit ארור
belegt. Der Fluch trifft weder sie noch ihr Streben an sich.
אחלקם ביעקב ואפיצם בישראל.חלק : teilen, nicht in der Absicht, ein bisheriges Ganzes zu
schwächen, vielmehr: verteilen eines Wertvollen, damit so viele als möglich
Anteil daran erhalten.
הפיץ , פוץ hingegen: ein Zerteilen in möglichst kleine Teile, damit ein
bisheriges Ganze nicht mehr als solches beisammen sei.
יעקב: die Galutherscheinung des jüdischen Volkes, gedrückt,
verfolgt.
ישראל: die durch Gott gewonnene siegreiche Erscheinung des jüdischen
Volkes.
Demnach: die Gefahr für das
Gesamtwohl durch Schimeons und Lewis übergroße Heftigkeit ist nur in der
Blütezeit des Volkes vorhanden, wo es eine mächtige Gesamtheit bildet, die
leicht durch den Einfluss zweier solcher, von glühendem Kraft- und Gesamtgefühl
erfüllter, kompakter Stämme hingerissen werden könnte. Darum in ישראל:אפיצם , im blühenden jüdischen Staat sollen sie zerteilt werden. Wie
auch geschehen. Lewi erhielt gar keinen Anteil am Lande, und seine Existenz war
durch מעשר lediglich auf das freie Wohlwollen
jedes einzelnen hingewiesen. Es war ja der jüdische Zehnte, im Gegensatz zu dem
späteren und heutigen Zehnten der Kirche und der Gutsherrschaft, durchaus ממון שאין לו תובעים eine Abgabe, zu welcher der
Bodenbesitzer allerdings verpflichtet war, auf welche aber kein Lewite einen
direkten Anspruch hatte. Der Verpflichtete konnte den Zehnten jedem aus dem
Stamme Lewi geben, der ihm beliebte, und keiner konnte von ihm fordern. Schimeons
Gebiet war ganz eine Enklave von Juda und lachte ihn völlig von diesem
mächtigen Stamme abhängig. Somit war für die Zeit der Blüte Schimeons und Lewis
politischer Einfluss völlig paralysiert. Allein im Galuth, wo die Wucht des
Geschickes alles niederbeugt, und die Nation selbst auseinander gerissen ist,
da liegt die Gefahr, daß alles Selbstgefühl verloren gehe und der Druck jede
geistige Kraft ertöte. Auf daß selbst der als Hausierer vagierende Jude auf den
europäischen Gassenbuben mit stolzer Selbstgefühl hinab blicke, und er, zu
Boden gedrückt und über die Erde hingestreut, das Selbst- und Gesamtgefühl sich
bewahre, dazu אחלקם ביעקב, dazu war es höchste Wohltat,
daß die Zerteilung der Stämme Schimeon und Lewi im jüdischen Staate die
natürliche Folge hatte, daß als der Staat in Trümmer ging und die Nation nach
allen Gegenden hin zerstreut wurde, in dieser Zerstreuung überall sich auch
Söhne Schimeons und Lewis befanden, die die Kraft und den Mut, das Feuer und
den edlen jüdischen Stolz durch die Pflege des den Staat überlebenden jüdischen
Geistes wach und lebendig erhielten. Zu dem Kern der jüdischen Lehrer der
Jugend und der Wissenschaft, kommentiert ein alte Überlieferung, stellen
jederzeit die Stämme Schimeon und Lewis das bedeutendste Kontingent. משמעון סופרים ומשנים בבתי כנסיות ומשבט לוי בתי מדרשות
שהיו עוסקין .בתורה „Lehrer der Schrift und der Mischna in den
Synagogen von Schimon, und von Levi Lehrhäuser, wo das Studium der
Thorawissenschaft gepflegt wird“ (ב"ר צ"ח).
V.10 Nicht wird weichen Herrscherstab von Jehuda und
Gesetzeschreibgriffel zwischen seinen Füssen hinweg, bis daß sein scheinbar
letzter, schwacher Sprössling kommt, und ihm dann, dem männlich starken,
altersschwach die Völker zufallen.
V. 10 … Es kommt also die Zeit, wo
der jüdische Geist an seinem Ende scheint, und dem gegenüber die Menschheit alt
und stumpf geworden ist, hat alles durchgelebt, fühlt, es muss ein neuer,
regenerierender Geist kommen, und den wird der letzte Spross aus Juda bringen.
V. 11 Er bindet an den Weinstock sein Füllen, an die edle Rebe
seiner Eselin Sohn; er hat in Wein sein Gewand gebadet, im Traubenblut seinen
Mantel;
V. 11 Jakob sieht als משיח und wie sieht er ihn? Er sieht den
Menschheitsretter, den Völkerüberwinderer, nicht zu Ross, sondern auf jungem
Esel. – „Esel“ ist überall, als Lasttier, Repräsentant, des friedlichen
Wohlstandes, der friedlichen nationalen Größe, während Rosse die kriegerische
Macht repräsentieren. So wird unter allen unreinen Tieren nur der Esel
herausgegriffen, und durch פטר חמור
die Weihe des ganzen beweglichen Besitzes auszudrücken. Es ist dasjenige Tier,
das ruhigen Schrittes den Menschen und seine Güter trägt. So sollte die
jüdische Königsmacht nicht in Rossen ihren Ausdruck finden. Dem jüdischen König
war verboten להרבות סוס. Sollte der jüdische König ja auch erstלאחר ירושה וישיבה, nach
völliger Eroberung und gesicherter Besitznahme des Landes, also ausdrücklich
nicht zunächst zu kriegerischen Zwecken, erwählt werden und dürfte eben darin
die Versündigung des Volkes zu Samuels Zeiten gelegen haben, daß sie einen
König zur Landesverteidigung gefordert, wie Samuel ihnen Kap. 12, vorwirft: ותראו כי נחש מלך בני עמון בא עליכם ותאמרו לי לא כי מלך
ימלוך עלינו וד' אלקיכם מלככם!
Darum erscheint
hier der einstige wirkliche, wahrhaftige, Jissroél und der Menschheit erlösende
König auf בני אתונו, עירו. Zwei
hervorstehende Züge treten hier im Bilde der zu erwartenden kommenden Zeit
hervor. Der König der Menschheit reitet nicht auf einem Rosse sondern auf einem
Esel: es kommt also als König des Friedens; und er bindet sein Tier an
Weinstöcke. Wenn man das Tier, und noch dazu עיר, das geweckte, mutige Füllen, an
Weinstöcke bindet, so ist das ein Zeichen von einer unendlich gesteigerten
Entwicklungspotenz der Natur (die Weinstöcke stämmig wie unsere Bäume) von
übergroßem Wohlstand und Überflüsse. Überfluss in unendlich gesteigertem Segen
der Natur, und Friede in der Menschenwelt, das sind ja die beiden Merkzeichen,
die überall im Munde der Propheten diese endliche Zeit charakterisieren.
Solange das friedliche Tier nicht in seine Würde eingesetzt ist, die Führer der
Menschheit vielmehr auf kriegerischen Rossen erscheinen, und solange man die
Tiere nicht an Weinstöcke bindet, so lange sind wir noch sehr fern von der zu
erwartenden Regenerierung der Natur und Menschenwelt. (Vergl. über den jüdische
König und משיח Jeschurun
VI, 127 ff.).
Einen Beweis für
die Richtigkeit unserer Auffassung dürfte die Stelle Secharja 9, 9
liefern:…“freue dich sehr und jauchze; denn siehe, dein König kommt dir, er ist
ein צדיק und einנושע “: er ist kein מושיע; משיח kommt nicht, um zu helfen,
sondern in seinem Beispiel uns zu lehren, wie uns geholfen würde; er ist ein
Mensch dessen Größe darin besteht, daß er in so eminenter Weise „gerecht“ ist
daß ihm um seiner Gerechtigkeit willen Gott hilft, Gott ihm zum Siege verhilft.
Er ist ferner עני, erscheint
ohne Zivilliste, und endlich nicht als Kriegsheld, sondern רוכב על חמור, als Bringer des Friedens und
des Wohlstandes, das bezeichnet חמור und speziell wiederholt: „auf einem Füllen, Sohn von
Eselinnen“. Es ist dies sehr eigentümlich. Es scheint: er ist רוכב על חמור, aber nicht aus Armut, sondern
der חמור ist עיר בן אתונות. Er hat, während andere Könige
ein Marstall voller Rosse haben,אתונות, ein Zucht von Tieren friedlicher Beschäftigung; das Tier, das
ihn trägt, ist ein aus seinem Friedensreichtum erzogenes Tier. So auch hier: בני אתונו ,עירה. Das letzte schwache Ende (שילה) stellt sich plötzlich (ולו)männlich da, und ihm gegenüber
erklären sich die Völker bankrott. …
כבס וגו'. Er sieht diesen letzten
Sprössling Judas – sein Kleid ist rot, aber nicht von Menschenblut, Traubenblut
hat es gefärbt…
V. 15 Er hat eingesehen, daß Muße das Gute
sei, und daß dafür den Boden entsprechend; darum hat er seine Schulter zum
Tragen geneigt und sich zum Tribut des Ackerbaues hingegeben.
V.15 … Die Bezeichnung
eines Idioten durch „עם הארץ“ datiert aus einer späteren Zeit, in welcher längst der ruhige,
Müsse gewährende Bodenbesitz für den Juden bereits verloren war, in welcher die
Wissenschaft und die Geisteskultur sich in den Städten konzentrierte, der Jude
auf dem „Lande“ sporadisch wohnte und fern von den Herden der Bildung, unter
der Last seiner Arbeit geistig und sehr häufig auch sittlich verkümmerte. In תנ"ך ist עם הארץ
stets die „Volksgemeine“ in edler Bedeutung.
V.27 Binjomin wird den Wolf zerreißen, am
Morgen schon zehrt er ein Stücken aber am Abend wir er ihn als Beute verteilen.
V.27 Es hätte
etwas Herbes, wenn hier den jüngsten Sohn, mit dem er scheidet, nur als einen
reißenden Wolf zu schildern gewusst. … Wenn Jakob aber hier zuletzt an einem
Wolf denkt, so ist es ja der letzte Blick, den er auf seine „Herde“ wirft. Er
hat ja zwanzig Jahre lang den konkreten Wolf für seine konkrete Herde zu
fürchten gehabt – und sieht nun jetzt seine Kinder, hat sie gesegnet, hat sie
in ihrer Eigentümlichkeit für den ganzen Lauf der Zeiten erkannt und
gezeichnet, und sein letzter Blick hat so eben auf dem Ende der Zeiten, auf der
Überwindung der letzten Weltmacht מלכות רביעית geruht; er sieht das Galuth und
die Galuthmacht, gegen welche seine Kinder den Kampf zu bestehen haben werden,
und spricht: der Allerkleinste, der Allerjüngste, der wird es sein der den
„Wolf“ (das ewige Amalek) von der Jakobsherde scheucht; schon am frühen Morgen,
am Anfange der Nationalgeschichte wird er dem Wolf schon „ein Tüchtiges
versetzen“, am Abend der Zeiten aber wird er ihn vollständig vernichten. Ist es
ja Überlieferung, מסורת אגדה, daß der Erzfeind, Amalek, nicht durch Juda, sondern durch die
schwächste Macht der Söhne Rachels überwunden werden wird. אם לא יסרבום
צעירי הצאן (Jirm. 49,20) „die Jüngsten der
Erde“ werden sie als Beute dahinschleifen. עד von עדד verwandt mit חתת, zerbrechen, ein abgerissenes
Stück, ein abgerissenes Stück
Kap. 50 V 2 Josef befahl seinen Dienern, den Ärzten,
seinen Vater einzubalsamieren, und die Ärzte balsamierten Jissroél ein.
Kap 50 V.2 …Dem Juden bleibt die Seele, der
Körper wandert; er hat, sobald die Seele in den Kreis der Ihrigen heimgegangen,
mit dem Individuum nichts mehr zu tun. Vielmehr ist es מצות, ihn sofort in möglichst nahe
Berührung mit der auflösenden Erde zu bringen. Er wird wieder Erde und mag dann
alle möglichen Wandelungen irdischer Körper durchmachen. Der Egypter glaubt an
Seelenwanderung und sucht den Körper vor möglicher Wanderung zu schützen. Der
Jude glaubt an eine ewige persönliche Existenz der Seele und gibt den Körper
der irdischen Wandelung hin.…Die Ärzte
balsamierten „Jissroél“: „standesgemäß!“ Einem ächtjüdischen Begräbnis kann man
gottlob nicht ansehen, ob ein Reicher oder Armer zur Erde bestattet wird, wohl
aber, ob er נפטר בשם טוב, oder schon
בחייו קרוי מת gewesen.