zondag 22 december 2024

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woensdag 18 december 2024

Rabbiner Samson Raphael HIRSCH Aus seinem Kommentar zur Wochenabschnitt Wajéschèw

 


Rabbiner Samson Raphael HIRSCH

                              (1808-1888)

 

וישב פרשת

 

Aus seinem Kommentar zur Wochenabschnitt Wajéschèw

                                                                                                                                                                                                    Kap. 37, V.36 Die Medianiten aber hatten ihn nach Mizraim verkauft, an Potiphar, Pharaos Hofbedienten, den Fürsten der Köche.

Kap. 37, V. 36 …שר הטבחים : Oberhofkochmeister der egyptischen Majestät. Indem wir hier in den bedeutendsten alten Staat eingeführt werden, der für die Bildung der alten Völker so bedeutsam geworden, ist es charakteristisch, sogleich am Eingange einen „Fürsten“ der Köche, Bäcker, Schenke zu finden. Sagen dürfen wir uns, daß selbst in den entartesten Zeiten der jüdische Geschichte wir solche Chargen nicht finden. Wer den Fürsten den Becher, den Teller, u. kredenzte, war und blieb ein ganz gewöhnlicher Mensch. Nur in Staaten in welchen, wie im alten Egypten, den Fürsten ein göttlicher Nimbus umfließt – sehen wir doch noch auf egyptischen Bilder den König vor dem Göttlichen seiner eigenen Majestas knien – werden auch eines Abglanzes dieses Nimbus teilhaftig, die in nächsten Berührung mit der geweihten Person kommen. Ist der König ein Gott, so wird sein „Truchsess“ (Trogsetzer) ein Ministrant des Göttlichen, und der Koch: ein „Fürst der Köche“. Ist dies eine heitere Seite des Amtes, so hat es zugleich eine entsetzliche Zusammenstellung: der Viehschlächter, war zugleich der Menschenschlächter. So der Oberhofmenschenschlächter  Nebusaradon (Kön. II, 25,9)

 Kap. 39 V. 2. Da war Gott mit Josef, er ward ein alles glücklich ausführender Mann, und ward dies in dem Hause seines mizrischen Herrn!

3. Als sein Herr gewahrte, daß Gott mit ihm war, und alles, was er that, Gott durch seine Hand gelingen ließ:

4. Da fand Josef Gunst in seinen Augen, so daß er ihn selbst bedienen musste, und endlich setzte er ihn über sein Haus, und gab alles, was er hatte, in seine Hand.

 Kap. 39  V. 2-4… Wenn Gott mit Josef war, so kann dies nur sein, weil Josef mit Gott war. Wenn die Ziele, die der Mensch anstrebt, mit Gottes Zielen zusammen fallen, so gestaltet Gott die Verhältnisse der Erreichung dieser Ziele günstig und förderlich. … Josef ward ein Mann, der alles, was er unternimmt, glücklich zum Ziele führt. Da überwand der Mizri den Widerwillen gegen den Iwri und nahm ihm sogar in sein Haus, wies ihm seine Nähe Beschäftigung an. Und als nun, V.3, auch dort „Gott mit ihm war“ und alles, was er unternahm, Gott gelingen ließ – es war dies die erste Gottesoffenbarung in einem mizrischen Kreise; in einem Kreise, in welchem das Gute und Sittliche nichts galt, zeigt sich plötzlich ein Jüngling, der arm und in tiefster Erniedrigung war, und dem doch alles gelang, weil er es tat, zeigt sich mit einem Male die segnende Kraft eines reinen und sittlichen Wollens – da fand Josef endlich חן in seinen Augen, so daß er ihn zuerst zu seinem persönlichen Diener erhob und ihm dann zum Verwalter seines ganzen Hauses machte. (מצא חן siehe zu Kap. 6,8).

 Da war es nun, seitdem er ihn sein Haus, und über alles, was er hatte, als Verwalter eingesetzt, segnete Gott das Haus des Mizri in Josefs Veranlassung; Segen Gottes war in allem, was er hatte, im Hause und auf dem Felde. 

 V.5 … Der Begriff des Schönen wird also in Hebräischen nicht objektiv, als Beschaffenheit des schönen Wesens, sondern als der Eindruck bezeichnet, den es auf den Beschauer macht, Schönheit wird als Hauch und Strahl begriffen, mit welchem das Schöne auf das Gemüt wirkt. Höchst bezeichnend erscheint nun die Bemerkung von Josefs Schönheit, die wir gleich am Beginn der Erzählung als das ersten hätten erwarten sollen, womit sich der Unbekannte der Herrschaft empfahl, und die ja in der Tat der erste Empfehlungsbrief eines Unbekannten ist, ganz zuletzt. Es dürfte nämlich für einen Josef eine weit größere Versuchung sein, wenn ein nicht gewöhnliches Weib ihn zu verführen versucht. Es wird uns daher erzählt, daß nicht zunächst Josefs Schönheit, sondern die glänzenden Erfolge seines Geistes, die ihn vom niedrigen Sklaven fast zum Herrn erhoben, den gewinnenden Eindruck auf seine Herrin gemacht. Seine Schönheit gab diesem Eindruck nur die überwältigende Steigerung אחר הדברים האלה heißt es daher im folgenden Verse. Alles Bisherige hatte dazu beitragen.

 9. in diesem Hause ist niemand größer als ich; nicht das Geringste hat er mir vorenthalten außer dich, insofern du seine Frau bist: Wie soll ich nun eine so große Schlechtigkeit begehen, und mich gegen Gott versündigen!

 V. 9 …חטא. Es ist von Wichtigkeit, den Begriff der Sünde nach den hebräischen Sprachgedanken zu ergründen, da sich daraus zugleich den Begriff des Gegensatzes, der des sittlichen Lebens ergibt. Im Deutschen heißt Sünde das zu Sühnende, ein Begriff, der in חטא nicht ursprünglich liegt. Wir wagen die Verwandtschaft von חטא mit חתה hervorzuheben. חתה: etwas aus seinem gehörigen kreis herausnehmen, insbesondere aber: brennende Kohlen aus dem Feuer nehmen. Es ist nun nicht unmöglich, das חטא ebenso heiße: irgend eine unserer Beziehungen jenem Feuer, dem Feuerstrahles jenes Elementes entziehen, das eigentlich unser ganzes Wesen fassen, wecken, durchläutern und beleben soll. Die Kohle, die ich aus dem Feuer nehme, erlischt. So lange irgend eine meiner Kräfte von jenem göttlichen Feuer beherrscht ist, wird sie leben und das erreichen, wozu sie bestimmt ist. Überlasse ich aber irgend eine Beziehung meines Wesens diesem Feuer nicht, so wird sie: Sünde. Wir sind berechtigt, das zur Beherrschung unseres ganzen Wesens bestimmte Element als „Feuer“ zu denken. Nennt sich ja das Göttliche selber אש אוכלת,אשדת . Ihm sollen stets ganz hingegeben sein, und so lange wir ohne Schlacken, das göttliche Feuer leuchtet stets und stets in uns und durch und durch uns, wir sind לחם אשה ד': Nahrung des Göttlichen auf Erden. Sobald etwas diesem Feuer entfällt wird es dunkel, schlecht. Ist das Sinnliche nicht Träger des Göttlichen, nicht קדוש, wird es viehisch: קדש. Was sich der Glut des Göttlichen entzieht, verfällt der Glut der Leidenschaft. Heißt aber חטא: etwas dem Herde des göttlichen Herdes entziehen, das dadurch dunkel, unerleuchtet, undurchglüht von dem Feuer wird, das es durchglühen sollte: so begreifen wir, wie sich das ganze  מעשה קרבנותals symbolische Wiederherstellung des durch חטא gestörten Verhältnisses in buchstäblichsten Sinne darstellt. Wenn unser חטא nichts anders war, als das unser חלב וכליות sich nicht als Nahrung dem göttlichen Feuer überlassen, resp. hingegeben haben: So ist die Wiederherstellung eben nichts anderes, als das wir sie dem göttlichen Feuer wieder übergeben. Unser ganzes Wesen נפש, gehört Gott an, und als Konsequenz davon, alle unsere Glieder, איברים, Seinem Feuer,נתינת אברים כל גבי האש ist reine Konsequenz von נתינת דם על המזבח  (Siehe auch Kap. 13,13).

 Kap.40, V.15 Denn gestohlen ward ich aus dem Lande der Ibrim, und auch hier habe ich nicht das geringste gethan, daß man mich in den Kerker gebracht.

 Kap. 40 V. 15 Eigentümlich wird das Land schon hier ארץ העברים genannt; es muß also die Familie in den Augen der Völker schon so bedeutsam dagestanden haben, daß das Land als ihr Land bezeichnet werden konnte.

maandag 16 december 2024

Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH Aus seinem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes Wajéschew


Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH

              (1833 – 1900)

 

הפטרה פרשת וישב

Aus seinem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes Wajéschew

 

Unsere Prophetenstelle schließt sich unmittelbar an die beiden vorhergehenden Versen gegebene Bezeichnung der Verirrungen und Zustände im Reiche Juda. Es wird die große Wahrheit in furchtbarer Eindringlichkeit gelehrt, daß eine Zerfällung des Gesetzes des allmächtigen Gottes in Pflichten gegen Gott und Pflichten gegen den Nebenmenschen auf dem Boden der jüdischen Wahrheit keine Stelle habe. Wer glaubt eine Auswahl treffen, und entweder dem fälschlich sogenannten spezifisch religiösen oder dem mehr sozialen Gebiete des Gesetzes mit Hinteransetzung des anderen erhöhte Bedeutung beimessen zu dürfen, der verlässt damit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch den Boden des Gesetzes. Und zwar verlässt er ihn vollständig. Er gibt nicht nur den Teil preis, den er, sei es in vermeintlich „prinzipielle Überzeugung“ oder sans phrase in praktischer Betätigung verleugnet, sondern auch denjenigen Teil, dem er noch die Treue zu bewahren vermeint.

In Juda glaubte man, mehr die מצות שבין אדם למקום betonen und es dafür mit der strikten Erfüllung derמצות שבין אדם לחברו  nicht so nehmen zu dürfen. Der Tempel ragte, des Opferdienstes wurde gepflegt, die Tempelhallen waren gefüllt, Sabbat und Festtage wurden gefeiert und die Speise- und Reinheitsgesetze fanden sorgsame Beachtung. So schien es. In dem aufgeklärten, mit den Wahnvorstellungen der verschiedenen umwohnenden heidnischen Völker durchtränkten Jissroél war es umgekehrt. Dort hatte man in mehr oder minder bewusster Grundsätzlichkeit das spezifisch Jüdische abgestreift, den חקים, den Speise- und Reinheitsgesetzen in den herrschenden Kreisen hohnlachend den Rücken gekehrt, und nur die משפטים, die das bürgerliche Leben, das Verhalten des Menschen zum Nebenmenschen regelnden Gesetze im Prinzip aufrechtgehalten. Über beide Reiche, Juda wie Jissroél, verkündet das Prophetenwort in Namen Gottes den durch ihre Taten heraufbeschworenen Untergang. Und da ist’s nun so ungemein charakteristisch und für alle Zeiten lehrreich: Juda dem vermeintlich frommen, wird trotz seiner Opfer, seiner Gebete und seiner Sabbatfeier, der furchtbare Vorwurf entgegengeschleudert, daß „sie die Thora Gottes verachtet“ und seine חקים, gerade die Speise- und Reinheitsgesetze, nicht gehütet hätten!– Und Jissroél? Kein Wort des Vorwurfs wegen des verschmähten Tempels, wegen der entweihten Sabbat- und Festtage, wegen der nicht beachteten Speisegesetze. Wohl aber wird ihm ein Spiegel vorgehalten, aus dem ihm ein Nachtbild unsäglicher Verkommenheit, einer vollständigen Fäulnis aller rein menschlichen Verhältnisse in Staat und Familie entgegenstarrt. Erstorben alles Rechtsgefühl, erstorben alle Menschlichkeit, bis zur vollendeten Tierheit erstorben alle Scham (V.7). Der Habsucht der Grossen bietet eine feile Beamtenschaft bereitwillig die Hand mit Missbrauch der Formen des Rechtes zur Ausübung schnödester Gewalt gegen die wirtschaftlich Schwachen, und – zu all diesem Jammer spendet eine gesinnungs- und herzlose Geistlichkeit, die würdigen Diener einer Religion ihrer Mache, bereitwillig ihren Segen. Zerstörung des Staates, Entziehung all der Güter, deren Missbrauch zu dieser Entartung führte, war die einzige Rettung der „Jissroél-Familie“ (Kap. 3, 1) Während das Sidra-Wort uns die seinen Fäden der höheren Waltung zeigte, die den Zug der Jakobsfamilie ins ägyptischen Galuth vorbereiteten, auf daß sie dort in Leid zum Gottesvolke erstarke: eröffnet das Prophetenwort einen Einblick in die Verhältnisse, die die Wiederkehr der entarteten Jissroéls-familie zum Jakobsgeschick, ihre Hinausweisung ins Exil auf die lange bange Galuthwanderung durch die Jahrhunderte zur unausbleiblichen Folge haben, für deren Abwendung es nur die eine Möglichkeit gab, daß der Posaunenruf des drohenden Gottesgerichtes, der aus dem ernsten Mahnworte des Propheten ihnen entgegentönt; doch noch die Sperre ihres Herzens sprenge, sie ihrem besseren Selbst zurückgebe, und sie so zu aufrichtiger und dauernder Aufkehr zu Gott sich ermanne

 Kap.3, 6 Wenn aber der Schofar in der Stadt erschallt, da hätte das Volk nicht zu erbeben? Wenn Unglück sich ereignet in der Stadt, da hätte es Gott nicht bereitet?

7. Denn mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott tut nichts, er habe denn seinen Ratschluss offenbart seinen Dienern, den Propheten.

 8. Der Löwe hat gebrüllt – wer hätte nicht zu fürchten! Mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott hat gesprochen – wer würde da nicht Prophet! –

 V.6 Wenn aber der warnende, mahnende Schauforruf Gottes in der Stadt ertönt, der Ruf des allmächtigen Gottes, der euer Geschick in Händen hat und der für euch als Folge der Schuld das Unglück festgesetzt hat, da könntet, dürftet ihr weiter ruhig in den Tag hinein leben, hättet nicht aus diesem Posaunenrufe das löwengewaltig euch drohende Geschick bebend zu erkennen und euch zur Verbesserung aufraffen? Und wenn des Schaufors Stimme unbeachtet verhallte und nun das Verhängnis über die Stadt hereingebrochen ist, mag dies nun in seiner äußeren Verwirklichung durch Feindesmacht, durch innere Zerrüttung oder durch Naturgewalten sich vollziehen: da bestände kein innerer Zusammenhang zwischen ihm und dem unbeachtet gebliebenen Gottesruf? Da wäre es ein bloßer Zufall, Raubgier der Feinde, oder physische Verhältnisse, und es wäre nicht Gott, der diese Verhältnisse gerade so gelenkt hätte, wie es der Vollstreckung seines Willens entsprach?

V.7 Denn das Prophetenwort ist der Schauforruf Gottes.

V.8 Nun, der ernste, mahnende und warnende Ruf des allmächtigen Gottes ist an euch gedrungen, wer hätte da nicht zu fürchten? Gott, und zwar אדני, der den Propheten sendet, und der vierbuchstabige Gottesname, der מדת הרחמים mit der Vokalisierung אלהים, מדת הדין vereinigt, der also den barmherzigen, stets zur Spende neuen Seins und neuer Kraft bereiten Gott als denjenigen bezeichnet, der diese seine Liebe im gegenwärtigen Augenblicke als waltende Gerechtigkeit offenbaren müsse – also ד' א' hat gesprochen – wer wäre jetzt nicht Prophet! Wer könnte jetzt nicht mit Bestimmtheit das Hereinbrechen unheilvoller Verhängnisse verkünden, wenn sein Wort unbeachtet bleibt!

 (Die Haftoroth übersetzt und erläutert, Frankfurt am Main 1896: S. 76-85  Kommentar zu Amos Kap 2, V6 bis  Kap 3, V.8) 

 

„In vier Worte, das ganze Programm des Judentums“

  Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH               (1833 -1900)     לִנְטֹעַ שָמַיִם וְלִיסֹד אָרֶץ ! Aus seinem Kommentar zur Haftoro des...