Rabbiner Dr. Salomon BREUER
(1850 –- 1926)
וישלח
Belehrung und
Mahnung zur Wochenabschnitt WAJISCHLACH
ויותר יעקב לבדו ויאבק איש עמו
עד עלות השחר „Jakob blieb allein übrig, da rang jemand mit ihm, bis der
morgen heraufzog.“
Wohl nirgends dürfte die Wahrheit jenes
Ausspruchs unserer Weisen מעשה אבות סימן לבנים, daß das Leben unserer Erzväter ein Vorbild für das Leben ihrer
Nachkomme sei, sich so überzeugend offenbaren wie in diesem Abschnitt, der uns
von dem nächtlichen Ringkampf Jakobs mit Esaus Genius berichtet.
Es gibt vielleicht kein Ereignis im Leben
unserer Stammväter, das mit solcher Klarheit und Eindringlichkeit die Grundzüge
der späteren Ereignisse im Leben ihrer Nachkommen vorbildlich darstellt wie
dieses denkwürdige Ereignis. Fast jedes einzelne Moment weist entweder in klar
ausgesprochenen Worten oder in Tatsachen, deren symbolische Deutung jeden
Zweifel ausschließt, auf Erscheinungen hin, die das Leben der späteren
Nachkommen in seinen Licht- und Schattenseite charakterisiert?
In diesem Sinne finden auch zwei Aussprüche, die
die Weisen uns aufbewahrt haben, die auf den ersten Blick jedes Verständnisses
entbehren, ihre Erklärung.
Diesen Kampf oder vielmehr die Folge dieses
Kampfes hat das Gotteswort durch das גיד הנשה-Genussverbot verewigt: על כן לא
יאכלו בני ישראל את גיד הנשה „Darum
sollen Jissroéls Söhne nicht die Sehne der Schwäche essen“ (32,33). Hierzu
bemerkt der Midrasch: את לרבות ט' באב, das Wörtchen את schließt
gleichzeitig den Fasttag des neunten Aw, des Gedächtnistages der Zerstörung
Jeruscholaims ein. Dieser Fasttag steht nach der Ansicht der Weisen mit dem גיד הנשה-Verbot in solch innigem
Zusammenhang, daß sie im Sohar (z.St.) lehren:וכל מאן
דאכיל בט"ב כאלו אכיל גיד הנשה wer am ט"ב nicht
fastet, das sei gleichbedeutend, als hätte er das גיד הנשה-Verbot übertreten. –
ויעבור את
אשר לא „Er brachte das Seine hinüber“ (das. V.24). Mit diesen Worten
wird die Geschichte dieses Kampfes eingeleitet. Jakob hatte alles, was er sein
nannte, seine Familie und seine Angehörigen, sein Hab und Gut hinübergeschafft ויותר יעקב לבדו ויאבק איש עמו, so daß
er ganz allein blieb, als sich entspann.
ויותר
יעקב לבדו An diesen Vers knüpfen die Weisen folgende Bemerkung: אין כאל ישרון, ומי כאל ישרון ישראל סבא, מה הקב"ה
כתיב ביה ונשגב ה' לבדו אף הכא ויותר יעקב לבדו „Nichts gleicht Gott – Jeschurun! Wer gleicht Gott,
Jeschurun unser Vater Jakob!“ Wie es von Gott heißt: „und erhaben steht Gott
allein da“ (Jes. 2), so auch von Jakob: „und allein blieb Jakob“. –
Dieser Prophetenvers schaut in eine Zeit, in der
eine große Menschheit, von jedem Götzenwahn befreit, sich zur reinen
Gotteshuldigung emporgeläutert haben und Gott allein machteinzig dastehen wird.
In welchem denkbaren Zusammenhang steht hiermit unser Vers: ויותר יעקב לבדו? –
Aus der Geschichte dieses Kampfes glauben wir
zwei Stellen ganz besonders hervorheben zu müssen, die unseres Erachtens eine
eingehende Erklärung verdienen. וירא כי לא יכול לו וגו' Er sah, daß er
gegen ihn nichts vermochte, da griff er an den Ballen seiner Hüfte, und es wich
Jakobs Hüftballen, בהאבקו עמו indem er mit ihm
rang“ (V.26). Diese zwei Worte בהאבקו עמו sind vollkommen
überflüssig; selbstredend war er während des Kampfes verletzt. – Ferner: der
Kampf endete mit der segnende Anerkennung Jakobs durch Esaus Genius: ויברך אתו שם „Und er segnete ihn dort“ (V.30). Auch das Wort שם scheint ganz
überflüssig zu sein. –
Jakob nennt den Ort nach dem denkwürdigen
Ereignis (31). Da geht ihm die Sonne auf ויזרח לו
השמש als er an Penuel
vorüber war; und nun heißt es: והוא צלע על ירכו er hinkte an seine
Hüfte (32). Mit einer jeden Zweifel auszuschließenden Bestimmtheit wird uns
also berichtet, daß Jakob mit dem Aufgang der Sonne hinkte. Seine Hüfte ward
ihm während des Kampfes verletzt, inzwischen graute der Morgen, doch erst mit
dem Aufgang der Sonne hinkte Jakob auf seiner Hüfte – was soll uns damit gesagt
werden?
כל השירות
שעברו קרויות בלשון נקבה, lehren
die Weisen (ילקוט ומ"ר בשלח),
alle Gesänge, die Jissroél in der Vergangenheit anlässlich göttlicher
Wundertaten, die ihm Erlösung gebracht, angestimmt hat, werden in der
weiblichen Form (שירה)
verzeichnet מה הנקבה מתעברת ויולדת וחוזרת ויולדת wie eine Frau stets
nach vorangegangenen Schmerzen ein Menschenwesen zur Welt bringt, כך התשועות שעברו היה אחריהם שעבוד so folgten noch immer jeder
Erlösung stets neue Golus-Leiden, die dann wieder zu erneuter Erlösung führten,
sie gleichsam „gebaren“, – אבל תשועה העתידה לבוא אין
אחריה שעבוד jedoch die einstige
Erlösung wird eine dauernde sein, ihr folgt nicht auf neue das Leid; der
Gesang, der ihr dann angestimmt wird, קרויה
בלשון זכר ihn nennt der Psalm
ein „männliches Lied“ (שיר):
שירו לה' שיר חדש, „singet Gott das neue Lied“ (Ps.98). –
Verstehen, wir die Worte unserer Weise recht, so
geben uns die zwei Worte שירה und שיר Jissroéls
Geschichte in ihren Grundzügen wieder.
Die erste שירה haben unsere Väter
bekanntlich gelegentlich des wundervollen קריעת ים
סוף-Ereignisses gesungen. Über diese שירה haben sich die
Weisen (מ"ר בשלח) mit
folgenden Worten ausgesprochen: מיום שברא הקב"ה את
העולם ועד שעמדו ישראל על הים לא מצינו אדם שאמר שירה להקב"ה אלא ישראל „Seitdem Gott die Welt erschaffen, bis zu dem Augenblick, da
Jisroél am Meere stand, hat kein Mensch außer Jisroél Gott die שירה gesungen: ברא אדה"ר ולא אמר שירה Gott erschuf den ersten Menschen – er sprach aber
keine שירה; הציל אברהם וכו' Gott rettete Abraham – er sprach aber keine שירה, das gleiche gilt von Isaak,
wie auch von Jakob – keiner, der eine שירה gesprochen hätte –
erst als Jisroél das Meereswunder erlebte, מיד אמרו
שירה להקב"ה stimmte es alsbald
Gott die שירה an שנ' אז ישיר משה ובני ישראל, denn so heißt es: „Damals sangen Moses und Jisroél“ – הוי פיה פתחה בחכמה ותורת חסד על לשונה Hierauf bezieht sich auch der
Vers: „sie öffneten ihren Mund in Weisheit, und Lehre der Liebe war auf ihrer
Zunge“ (Mischle 31).
Hätten die Weisen gesagt, daß vor dem jüdischen
Volke kein anderes Volk auf Erden Gott die שירה angestimmt habe, so
könnten wir ihre Worte begreifen. Daß sich aber Jisroéls Verhalten in einen
Gegensatz zu Adam, ja zu unseren Vätern Abraham, Isaak und Jakob stellen, die
anlässlich ihrer wunderbaren Erlebnisse sich zu keiner שירה bewogen gefühlt hätten,
bedarf wohl der eingehenden Erklärung. –
אותות
ומופתים nennt das
Gotteswort die in der Geschichte Jissroéls vollbrachten Wundertaten Gottes, der
spätere Sprachgebrauch der Väter nennet sie im allgemeinen נסים. –
נסים, wovon die Einzahl נס, bezeichnet in der Heiligen Schrift zunächst ein
hochaufgestecktes Feldzeichen, eine Fahne, die der Soldatenschar den Ort
bezeichnet, wo sich ihr Führer befindet, und dadurch zugleich die Richtung
angibt, wohin sich die Schar und jeder einzelne in ihr zu bewegen hat. Solange
die Fahne sichtbar ist, weiß ein jeder, wo der Führer ist dessen waches Auge
sie alle fürsorgend leitet? Kaum treffender und gedankenvoller konnte der
Sprachgebrauch der Väter die אותות ומופתים unserer Geschichte
bezeichnen, als indem sie sie נסים,
ihre Feldzeichen nannten. Diese Wunder, sie sind unsere נסים, unsere Feldzeichen für
unsere Wanderung durch die Jahrhunderte der Geschichte, auf die wir hinblicken,
wenn wir wissen wollen, wo unser göttlicher Führer sich befindet, wenn wir uns
vergewissern wollen, daß ein göttlicher Auge in unserer Mitte wacht, au die wir
hinblicken, wenn wir uns orientieren wollen, welchen Weg wir einzuschlagen
haben, um zu unserem Führer zu gelangen, uns bei unserem Führer zu halten. –
Wohl sollten wir – und darüber wollen wir uns
nicht täuschen – auch in den natürlichen, alltäglichen Lauf der Dinge das ewig
wache göttliche Vaterauge erkennen und den Weg zu unserem Führer auch ohne
diese hochgesteckten Feldzeichen finden. Doch dafür waren und sind wir noch
nicht reif. Diese Reife hatten unsere Väter nicht, als sie aus Mizrajim zogen,
diese Reife haben wir auch heute noch nicht, sie winkt uns als das
anzustrebende Ziel.
Das gleiche aber gilt von קרא בשם ה', das uns in den ersten
Blättern unserer Thora bedeutsam entgegentritt. – אז הוחל
לקרא בשם ה' (Gen 4,26). Mit diesen Worten wird der beginnende Verfall der
Menschheit und ihre zunehmende Entfremdung von Gott eingeleitet. קרא בשם ה' wäre jedoch, so
sollte man meinen, das Höchste, was Menschen zu Gottes Ehre tun könnten, und
doch wird damit, nach einer von unserem großen Rabbiner זצ"ל angeführten
herrlichen Erklärung, der zu Enochs Zeiten beginnende geistig-sittliche Verfall
gekennzeichnet.
קרא בשם
ה' die Menschheit zu
Gott rufen, sie in der Gotteserkenntnis belehren und sie dafür in Gesinnung und
Tat gewinnen, ist allerdings ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst,
das bekanntlich gerade das Leben unseres Stammvaters Abraham geadelt hat.
Allein, es wir eine Zeit kommen, die uns der Prophet Jirmeja (31,33) enthüllt,
in der die Menschen in allen ihren Gliedern von der Gotteserkenntnis also
erfüllt sein wird, daß kein Bedürfnis mehr vorhanden sein wird, לקרא בשם ה' Gott erst aufrufen
zu müssen אחרי הימים ההם נאם ה' נתתי את תורתי בקרבם וגו' ולא ילמדו
עוד איש את רעהו ואיש את אחיו לאמר דעו את ה' כי כולם ידעו אותי למקטנם עד גדולם „Nach jenen Tagen, spricht Gott werde ich meine Lehre in ihre
Mitte geben – und nicht wir ferner einer seine Nächsten, einer seinen Bruder
lehren: erkennet Gott, denn sie alle werden mich kennen von groß bis klein“.
–
Was hier für eine Zukunft verheißen wird, war zu
Beginn der Menschengeschichte der Fall: da warקרא בשם
ה' vollkommen überflüssig,
da stand der Mensch in unmittelbarer Nähe vor Gott, und ein jeder erkannte Gott
gleichsam durch Gott. Mit Enoch hatte die Menschheit ihre ursprüngliche
Reinheit bereits eingebüsst, stellte sich zum ersten Male das Bedürfnis ein, לקרא בשם ה' Menschen zu Gott im
Namen Gottes aufzurufen. Was in den späteren Zeiten und noch heute ein Verdienst
war und noch immer ist, das war zu Enochs Zeiten ein Zeichen beginnenden
traurigen Verfalls אז הוחל לקרוא וגו' „damals musste man anfangen, mit dem Namen Gottes aufzurufen“ –
bis dahin war es überflüssig!
Das gleiche gilt auch von den נסים. Der erste Mensch und auch
Abraham, Isaak und Jakob bedurften nicht erst der נסים, außerordentlicher, wunderbarer Ereignisse, um sich zur
Gottesanschauung zu erheben, sie fanden auch ohne Feldzeichen den Weg zu ihrem
Führer, sie empfanden in jedem Augenblick das selig freudige Bewusstsein der
Gottesnähe, so daß ihr ganzes Leben, ein jeder Atemzug ihres Lebens sich zu
einer שירה gestaltete, und es hätte für sie einen
bedauerlichen Rückschritt bedeutet, wenn sie erst durch außerordentliche
Erlebnisse zu Gott schauender שירה hätten begeistert
werden müssen.
Anders lagen jedoch die Verhältnisse bei unseren
Vätern in Mizrajim. In dem Pfuhl mizrischer Entartung war das reine
Gottesbewusstsein in ihrer Brust beinahe erloschen, und es bedurfte erst
besonderer göttlicher Veranstaltungen נסים, die als ragende, weithin sichtbare Feldzeichen ihnen aufs neue
den Weg zu ihrem göttlichen Führer wiesen. Ohne diese נסים hätten sie Gott
allein nimmer gefunden, und es muss ihnen als Verdienst angerechnet werden, als
חכמה, als תורת חסד, wie es den Weisen
bezeichnen, daß sie die moralische Kraft besaßen, von diesen נסים geleitet, den Weg
zu Gott zu finden, wie es auch uns, so lange Gotteserkenntnis nicht
Allgemeingut einer ganzen Menschheit geworden ist, als Verdienst angerechnet
wird, wenn der Gedanke an נסים,
die wir in unserer Geschichte erlebt haben, uns stets aufs neue Gott finden
hilft. –
Es wird aber die Zeit kommen, in der, was von
Anbeginn der Fall war, wiederkehren, eine Menschheit Gott allein ohne נסים erkennen wird, eine
Zeit, in der wie der Prophet verkündet (Jes.2,17) ושח גבהות
האדם וגו' והאלילים כליל יחלף der Stolz
einer sich selbst vergötternden Menschheit gebrochen, alle Mächte
geschwunden sein werden, die so lange einer verblendeten Menschheit den Weg zu
Gott verschlossen haben, Gott als alleiniger Schöpfer und Lenker der Welt und
des Menschengeschickes dastehen wird. – Dann aber ist auch das heiß ersehnte
Ziel erreicht ונשגב ה' לבדו ביום ההוא (das.),
daß Gott allein, ohne נסים,
ohne Feldzeichen von einer schauenden Menschheit huldigend anerkannt wird.
ונשגב ה'
לבדו ביום ההוא Diese Zeit
vorzubereiten, in der eine Menschheit Gott allein in allem schauend erkennen, in der mit anderen
Worten כל הנשמה תהלל י' ein jeder Atemzug sich zu
einer Gott huldigenden שירה gestalten
wird, ist Jakobs Aufgabe, ist die hehre Mission des jüdischen Volkes. Bis dahin
haben wir לקרא בשם ה' durch Wort und Tat, in
Gesinnung und Leben Gottes Namen zu verkünden.
Undמעשה אבות סימן לבנים ! Wie
unser Stammvater Jakob in jener denkwürdigen Nacht mit Esaus Genius kämpfend
ringt und trotz schwerer Verletzung ותקע כף
ירך יעקב בהאבקו עמו schließlich doch den Sieg davonträgt und Esaus
Genius ihm den Tribut verehrender, segnender Anerkennung zollt ויברך אתו שם – so hat auch das jüdische Volk leidend unter dem feindlichen
Gegensatz einer großen Welt, kämpfend, und sei es auch unter den schwersten
Opfern, sich zu behaupten und bei seiner großen Aufgabe treu auszuharren עד עלות השחר, bis zum Anbruch jenes
Völkermorgens, der ihm die segnende und verehrende Anerkennung der Völker als
Siegespalme reicht.
ויותר
יעקב לבדו Und Jakob blieb
allein – ganz allein zurück.
ויעבר את
אשר לו Alles, was er
besaß, was er sein eigen nannte, sein Hab und Gut, alles, woran das
Menschenauge hängt, hatte er jenseits des Stromes hinübergeschafft und blieb
allein zurück, entblößt von allem, was im Leben Glanz und imponierende Geltung
zu verleihen pflegt. Welch belehrender Wink liegt nicht in dieser Tatsache
allein, mit der dieses denkwürdige Ereignis eingeleitet wird, welche Mahnung
vor allem für unsere Zeit! –
In den jahrhunderten finsterer Golus-Nächte
haben unsere Väter für ihr heiliges Erbe gekämpft und geblutet, sind trotz
schwerster Verletzungen standhaft geblieben und haben in heldenhafter
Selbstaufopferung sich die Hoheit ihres jüdischen Adels bewahrt. Nach langer,
finsterer Nacht dämmerte endlich der erste, schwache Morgenstrahl, in den
Herzen der Völker erwachte das Gefühl für Recht und Menschlichkeit, und das für
sein göttliches Heiligtum kämpfende und blutende Jakobsvolk durfte nach langer
Zeit wieder frei aufatmen. Doch geblendet von dem jungen Lichtstrahl, glaubte
ein beträchtlicher Teil des Jakobsvolkes mit Preisgabe des Heiligtums seines
Gesetzes, für das die Väter gekämpft und geblutet – die Anerkennung und Achtung
der Völker sich erkaufen!
Welch kläglicher, jämmerlicher Irrtum! Wir haben
es erlebt und erleben es immer aufs neue: der pflichtvergessene Jude wird im
günstigsten Falle geduldet, und achtet man ihn, so achtet man ihn nicht weil er
Jude, sondern obgleich er Jude ist. Täuschen wir uns nicht: wegen der äußeren
Vorteile, die er als mitschaffendes, produktives Glied der Gesellschaft bietet,
sei es auf wirtschaftlichem oder
wissenschaftlichem Gebiete, verzeiht man es ihm, daß er Jude ist, tut man ihm
den Gefallen, in ihm den Juden zu vergessen, aber den Juden im Juden, den
jüdischen Geist und die jüdische Wahrheit bringt er nimmer zu ehrenden,
segnenden Anerkennung.
Solange
wir nicht den Mut haben, in unserem Leben die Forderungen der jüdische Wahrheit
zur Verwirklichung zu bringen, solange sind wir noch weit von jenem Ziele
entfernt, dessen Verwirklichung unserem Stammvater Jakob in jener Nacht zum
denkwürdigen Erlebnis geworden war.
Erst
wenn ויותר יעקב לבדו wir einer nichtjüdischen Welt durch unsere jüdische
Persönlichkeit allein zu imponieren vermögen, erst wenn ויברך אותו שם sie uns, auch wenn wir
arm sind an Gütern, deren Glanz das Auge zu blenden pflegt, die segnende
Anerkennung zollt, sie in uns den Juden achtet und ehrt, das Judentum in alle
seine Forderungen in unserem Leben zu umfassender Verwirklichung und vor den
Augen einer ganzen Welt in seiner Achtung gebietenden Hoheit dasteht, dann ist
auch der Weg zu jenem hehren Endziel gebahnt, daß auch Gott ונשגב ה' לבדו in dem Bewusstsein
einer geläuterten und geadelten Menschheit in unmittelbarer Anschauung zur
huldigenden Anerkennung gelangt.
הצילנו נא
מיד אחי מיד עשו „Rette mich doch von
der Hand meines Bruders, von Esaus Hand, כי ירא
אנכי אתו denn ich fürchte ihn“: das ist der Golus-Angstschrei unseres
Stammvaters: nicht מיד אחי עשו sondern מיד אחי
מיד עשו!
Er fürchtet die
Bruderhand, er fürchtet Esaus Hand: er fürchtet die raue Esaushand, daß sie ihn
körperlich vernichten, mehr aber, in erster Reihe zittert er vor der warmen
Bruderhand, daß sie ihn geistig-sittlich verderben könnte. –
Und wie hat dieser Angstschrei in der Folge im
Leben der Nachkommen seine Berechtigung erhalten! Die raue Esaushand konnte uns
trotz aller schwerer Drangsal, die sie uns bereitete, in unserem jüdischen
Lebensberuf nicht schwankend machen: mutig und stark hielten wir auf dem Posten
aus, auf den Gott uns gestellt hatte. Doch was die raue Esaushand nicht
vermocht, hat der warme, brüderliche Händedruck Esaus leicht fertig gebracht. אל תראני שאני שחרחרת „Seht
mich nicht so an, weil ich so dunkel bin, ששזפתני
השמש denn die Sonne hat mich
gebräunt“ (Hoh. 1,6). In der finsteren Golus-Nacht habe ich mich herrlich
bewährt, doch die Glückssonne hat mich geschwärzt! –
Mahnend und warnend für alle Folgezeit tritt
daher auch dieses für die Geschichte des jüdischen Volkes so bedeutsame Moment
aus dem nächtlichen Erlebnis unseres Stammesvaters geradezu sinnfällig uns
entgegen. וירא כי לא יכל לו וגו' ותקע כף ירך יעקב בהאבקו עמו. Indem er mit ihm rang, während des Ringens wich Jakobs
Hüftballen, ward er verletzt, doch die Verletzung hinderte ihn nicht, den Kampf
fortzusetzen und siegreich zu beenden – בהאבקו
עמו er ward nicht
schwankend, hielt mutig aus – ויקרא יעקב שם המקום פניאל
וגו' ותנצל נפשי . Sein Wesen blieb unverletzt! Doch ויזרח לו השמש als die Sonne aufging – והוא צלע על ירכו da hinkte er!
Was sich hier an Jakob körperlich vollzog, das
hat sich in der Geschichte seiner Nachkommen in ideeller Beziehung
verwirklicht! מעשה אבות סימן לבנים –
In heißen Kampf mir Esaus Macht konnten wir
nicht schwankend gemacht werden, wir behaupteten trotz schwerer Verletzung
standhaft und fest unseren Standpunkt; so oft uns jedoch die Sonne aufging, והוא צלע על ירכו hinkten wir, sind wir schwankend und haltlos
geworden!
Nach all den nächtlichen Golus-Kämpfen, die wir
überstanden, konnten wir mit Jakob die Stätten an denen wir gekämpft פניאל nennen und mit
Vater Jakob ausrufen:ותנצל נפשי „unversehrt ist unser Wesen geblieben!“ Doch ויזרח לו השמש da die Sonne des Glücks uns tagte, ist aus פניאל=פני-אל leider פנואל geworden, (in dem
das Zeitwort פנה „sich
abwenden“ mehr hervortritt), והוא צלע על ירכוhaben wir unsere
Festigkeit eingebüsst und sind schwankend geworden.
Dieses klägliche Verhalten hat uns nach Zeiten,
in denen die Sonne uns lächelte, stets neues Golus gebracht. – Hinkend בין המצרים „zwischen den Grenzen“ bald hier bald dort; oder besser weder
hier noch dort, überall nur auf einem Fuße פסחים על
שתי הסעיפים schwankend nach
beiden entgegengesetzten Seiten, haben wir ein trauriges, verdientes
Golus-Geschick erlebt!
Und wohl mit Hinblick auf diese historische
Tatsache verkündet der Prophet (Micha 4,6) ביום ההוא
נאם ה' אספה הצלעה והנדחה אקבצה „an jenem
Tage, spricht Gott, werde ich die Hinkende aufnehmen und die Verstoßene wieder
versammeln“ – und so schaut er einstige Sammlung und Heimkehr all derer, die
das Golus entweder צלעה zu „Hinkenden“
gemacht oder נדחה, dem
Gesetzesheiligtum völlig entfremdet hat.
„Da die Sonne ihm aufging – hinkte er auf seiner
Hüfte“ על כן לא יאכלו בני ישראל את גיד הנשה heißt es
unmittelbar danach. Aus diesem Genußverbot spricht daher die göttliche
Mahnung, nimmer wankend zu werden, stets standhaft zu bleiben in dem
Bewusstsein, daß die Verkümmerung unseres Geisteslichtes noch immer auch unser
äußeres Sonneglück zerstört hat.
Wie sinnig spricht sich daher die Mahnung der
Weisen aus: את גיד הנשה „in dem
Wörtchen את“ sei der
Fasttag des neunten Aw, des Gedächtnistages nationalen Unterganges,
eingeschlossen – וכל מאן דאכיל בט"ב כאלו
אכיל גיד הנשה Wer den Tischo b’Aw
entweiht, der hat das גיד הנשה-Verbot
mit Füssen getreten!
Die שירות, die wir Gott für Erlösungen gesungen, die Gottes Beistand uns
beschieden, waren בלשון הקבה, waren stets aus Leid geboren und haben noch immer nach kurzem
Sonneglück erneute Erziehungsleiden zur Folge gehabt. Sie werden ihr
Läuterungswerk an uns vollenden. Und strömt einst in der Zukunft das Gott
schauende, Gott verherrlichende Lied aus unserer Brust, dann wird es uns auf
einer Höhe finden, wo mit der dauernden Gottesnähe auch dauerndes Sonneglück
uns beschieden sein wird. –
Unser Lied wird dann שיר חדש ein männlich
starkes Lied sein, das eine ganze Menschheit zu segnenden Anerkennung der
Gottesherrschaft erheben wird:
Quelle: Rabbiner Dr. Salomon BREUER Belehrung und Mahnung erster Teil
Genesis J. Kaufmann Verlag Frankfurt am
Main 1936 S. 68 - 76