maandag 20 maart 2023

Rabbiner Pinchos KOHN: Unser Verhältnis zum גלות


Rabbiner Pinchos Kohn

       (1867-1942)

 

Unser Verhältnis  zum גלות

 

Das provisorische Comité der Agudas Jissroél hat in seiner Casseler Tagung, dem Sinne nach (endgiltige Formulierung wurde einer Redaktionscommission überantwortet) sich einstimmig dahin ausgesprochen, daß jüdisches Volkstum in der Religion verankert und mit dem allgemeinen Nationsbegriff incommensurabel ist, so daß jeder poltische Nationalismus, welcher staatsrechtliche Forderungen stellt, abzulehnen ist. Binsenwahrheit! Und doch ist es dringend vonnöten, selbst dieser Binsenwahrheit ergiebigen Commentar zu geben.

Als des babylonischen Eroberers Fuß sich auf den Nacken Jissroéls zu setzen drohte, da gab es viele, sehr viele, denen die materielle Loslösung von Jerusalem und Zion ein hartes, unmögliches Ding erschien. Aber da gab es auch einen Propheten, welcher einerseits dem Volke die materielle Seite des Exils klar zeichnete, indem er ohne Scheu kündete, daß aus dem Volke eine Gola geworden war, bestimmt in anderen Existenzformen diejenige Ideale zu erfüllen, die es als Volk verleugnet hatte, andererseits aber auch dieser neuen Form der Vergesellschaftung den Inhalt der Interessengemeinschaft ebenso klar ohne Scheu kundgab Man täte gut daran, bei der Lektüre von Jeremia Cap. 29 nicht bloß immer auf die Verse 5-7 zu beschränken, sondern auch die Verse 12 u. 13 einer genaueren Beachtung zu würdigen. „Ihr sollt mich rufen, auch aufraffen zum Entschluß hinzugehen zu mir zu beten, ich höre auf euch, sollt mich suchen. Ihr werdet mich finden, so ihr nach mir verlangt mit Eurem ganzen Herzen“, Fast noch deutlicher sagt es Jecheskel, daß die Gola eine Gemeinschaft sei, welche weitab von den algemeingiltigen staats- und völkerrechtlichen Beziehungen (משפטי הגוים) ihre Interessen zu suchen und zu pflegen habe. Freilich, täuschen wir uns nicht, es gehört der allergrößte Mut dazu, Gott zu dienen und den Solidaritätsgedanken der jüdischen Gemeinschaft lediglich aus den gemeinsamen Verpflichtungen zum Gottesdienst abzuleiten, so, wie es die Propheten taten. Man mag da sich mit mehr oder weniger Grazie wenden oder kunstvolle Wortgebilde ersinnen, es werden immer jene gebrochene Cisternen bleiben, die das lebensspende Wasser nicht u bergen vermögen. Wahr ist und bleibt, daß (jüdische) Volksschaft  der Gola ein lediglich latenter Factor ist, den alle Resolutionen jüdischer Kreise ebensowenig, wie die Beschlüsse von Kongressen oder Konferenzen zum Leben erwecken können und sollen, weil außenstehende Factoren dem Volke niemals den Inhalt geben könnten, welcher das Wesen des jüdischen Volkstums bildet und es so klar von allen Völkern unterscheidet. Es bedeutet Assimilation im äußersten Sinn des Wortes, wenn man Wollen und Werden  des jüdischen Volkes am allgemeinen Weltgeschehen mißt.

Es war daher ein äußerst klares Erkennen seitens der Assimilation ,als sie auf einem der Baseler Congresse sehr energisch Front machte gegen Rabbi Jochanan ben Sakkai, weil dieser in der Werdestunde des zweiten Gola das Volkstum „verraten“ hätte, weil er von dem römischen Eroberer nur Jabneh und seine Weisen als Reservation für das Judentum verlangt habe. Die traditionsgläubigen Teilnehmer jenes Congresses brachen in Entrüstungsrufe aus und verlangten stürmisch eine Ehrenrettung für Rabbi Jochanan b. Sakkai. As sie diese in parlamentarisch einwandfreier Form erhalten hatten, waren sie zufrieden und die Acten über diesen Fall waren geschlossen. Man hätte auch anders verfahren können, man hätte sogar im gewissen Sinn für die klärende Offenheit dankbar sein Können, man hätte den Mut bewundern können, mit dem der grandiose Versuch, das Ganze des Judentums assimilatorisch an das allgemeine Weltgeschehen anzugliedern, so hüllenlos in seinen letzten Zielen dargestellt wurde. Damals schon wäre es Zeit gewesen, höchste Zeit, daß die traditionsgläubigen Teilnehmer des Congresses sowohl, wie die gesamte Orthodoxie nun auch ihrerseits daran gegangen wäre, ihr Verhältnis zum Golus zu klären. Es ist nicht geschehen, aus tausenderlei Gründen nicht, ein furchtbar ernstes Versäumnis. Und also kam es, daß heute es fast als ein vergebliches Beginnen erscheint, gegenüber einem zum mindesten wenig erquicklichen Ansturm persönlicher Verunglimpfungen und sachlicher Entstellungen den alten Ideengehalt nochmals in die Wogen der Tagesstürme zu tragen.

Hatte wirklich Rabbi Jochanan  Sakkai kein Herz für die alle Leiden, welche ein Exil, ein Zustand der Rechtlosigkeit oder doch wenigstens der Rechtsverkümmerung für jeden Einzelnen im Gefolge haben mußte? War ihm wirklich jene feinste Blüte des Solidaritätsbewußtseins, die אהבת ישראל, die alle umfassende Liebe fremd geworden? Es war ja in jener wehen Stunde des Beginnens der vierten Gola ein Prophet nicht da, welcher den Zagenden eine unmittelbare Weisung hätte geben können, allein R. Jochanan b. Sakkai wußte, das aufgezeichnet war נבואה שרוצה פה לדורות, Prophetenwort, das bahngebend war für alle Zeiten. So wußte er auch dem Exil die recte Deutung zu geben; er hatte ja schaudernd erlebt, wie wenig nationalen Sinn und Wollen imstande gewesen war, die Blüten verzeihender Menschenliebe vor dem Reif zu bewahren, hatte gesehen, wie unter  der Herrschaft des stärksten nationalen Selbstbewußtseins tobringende Entfremdung, blindester Haß ihr Unwesen treiben könnte. Und da glaubte er, daß wieder einmal die Stunde gekommen war, in der die äußere Form des jüdischen Volkstums sich allzu sehr den allgemeinen Formen angenähert hatte und deshalb seinen wirklichen Daseinszweckes beraubt, seines wesentlichen Inhalts verlustig gegangen war. Mit einem Herzen voll Liebe wollte er die הצלה פרותא vorbereiten, die scheinbar so geringfügige und doch so sichere Rettung, er wollte durch Einstellung des Volksganzen auf seinen Inhalt dem Volke Dasein und Daseinszweck verbürgen. Vespasian verstand ihn nicht, verstand nicht, daß R. Jochanans Wunsch von volkserhaltende Tragweite war, sonst hätte er ihm sicher nicht Jabneh und seine Weisen concediert. So wie Vespasian erging es nun seit 2000 Jahren unzähligen Juden. Und auch die heutige Bewegung ist letzten Endes nichts anderes als eine unbewußte Auflehnung der Gola gegen das Galuth. Es ist klar, wenn man dem Exil keinen Sinn abgewinnen kann, dann muß man dagegen rebellieren; wenn man ferner nicht weiß oder nicht wissen will, daß die exilierte Idee der Einheit des göttlichen Willens (גלות שכינה) mi dem jüdischen, staatlichen Volksdasein noch keine Stätte gefunden hat, so muß ein Sabbatai Zewi, wie es einst auch in Erscheinung trat, unzählige Anhänger finden.

Daher muß über unser Verhältnis zum Galuth die Vorfrage gelöst sein, ob wir verpflichtet sind, in der latenten Form des jüdischen Volkstums, in der Gola einen Selbstzweck zu erblicken, oder sagen wir lieber, einen provisorischen Selbstzweck, nachdem das Endziel, die Erwürdigung und Ertüchtigung zur Identität der staatlichen Existenz mit der Erfüllung des Inhalts des jüdischen Volkstums außer aller Debatte steht. Da wäre nun zu bemerken, daß unter Umständen eine im Galuth erzielte religiöse Integrität der Gola ethisch höher steht als eine ohne Widerstände gelebte Vollkommenheit im eigenen Staate. Diese ethisch höchste Potenz zu erzeugen ist Selbstzweck der Gola und die sittliche Höhe der einzelnen Staaten läßt sich daran bemessen, wie weit sie dieser Erzeugung Schwierigkeiten in den Weg legt oder sie wohlwollend fördert. Und da hätten wir an die Adresse des Völkerbundes ein ernstes Wort zu sagen, eine große Forderung zu stellen. Soll wirklich die Welt künftig unter dem Zeichen der Erzeugung ethischer Güter stehen, so bedarf es einer vollkommenen Umgestaltung des Staatbegriffs, einer Revision hinsichtlich der Competenzen des Staates. Der Staat müßte zum mindesten es sich versagen, in die Pflege des religiösen Gedankens einzugreifen. (Es müßten also – um heute nur einige Grundlinien zu zeigen, ausführliche Formulierung bleibt vorbehalten – zunächst zwei Voraussetzungen erfüllt werden. Erstens müßte freies Wort auf der Kanzel gestattet werden, zweitens müßte der Freiheit der Erziehung ein viel größerer Spielraum gewährt werden, als bisher. An Stelle des Schulzwangs müßte Bildungszwang treten. De Staat sollte wohl das Recht haben, von dem dreizehnjährigen Menschen  ein gewisses Maß von Kenntnissen zu verlangen, aber es müßte den Eltern überlassen bleiben, wie und durch wen sie dieses Wissen ihren Kindern vermitteln lassen wollen). Bei absoluter Trennung von Kirche und Staat, müßte der Staat den ethischen Gedanken der Toleranz um eine Nüance steigern. Es müßten Wegen gefunden werden und where is a will, there is a way – um den Grundgedanken des Völkerbundes – einander verstehen wollen, einander fördern wollen  auf die einzelnen Individuen zu übertragen: so ginge Staatsinteresse und Religionspflege parallel zu demselben Ziele. Nicht der Kapitalismus allein und nicht der Nationalismus allein sind Schuldquelle des Krieges, es sind nur Einzelerscheinungen, die als Helfershelfer in den Dienst jenes Omnipotenzgedankens des Staates, welcher das Innenleben nicht genügend in Rechnung stellte oder es nur dann würdigte, wenn offen oder verschleiert darin ein Hebel für den materiellen Aufschwung gefunden wurde. Als Subjekt und Objekt dieses Innenlebens zugleich geht die Gola durch die Welt. Es ist geschichtliche Tatsache, daß die Völker bei Mißbrauch des Objekts sanken und versanken, daß Jissroél bei Verkennung dieses Galuth-Selbstzweckes sank und verkam.. Wir Golamenschen müssen deshalb – selbst um den Preis als reiner Tor verlacht zu werden – auch dem Völkerbund gegenüber betonen, daß Judenfrage nur eine Abschnitt in dem Aufwärts und Abwärts der Menschenfrage ist. Jede Lösung der Judenfrage, welche dieses Moment außer acht läßt, kann vielleicht für einen Augenblick materielles Leid mindern, aber je weiter sich diese Lösung von dem durch eine außerhalb Jissroéls stehende Macht der Gola gesetzten Ideal entfernt, desto größeres Unheil bedeutet sie für Jissroél und für die Menschheit. Von den Menschen haben wir Liebe und Achtung zu fordern, Erlösung können uns Sterbliche nicht bringen. Seit dem Sieg der römische Legionen stand Jissroél niemals vor einer so schweren Stunde; den Völkern, auch den wohlmeinendsten, muß gesagt werden, wessen die Welt bedarf, die eine Judenfrage wahrlich nicht aus Übermut oder Überwollen construiert hat, sondern der diese Judenfrage als außerordentlich schwieriges geschichtliches Vermächtnis überantwortet ist. Die Denkenden werden es verstehen. (Daniel XII, 11).   P.K.

 

Quelle: דרש טוב לעמו  Jüdische Monatshefte, herausgegeben von Rabbiner Dr. P. Kohn, Ansbach, unter Mitwirkung von Rabbiner Dr. Salomon Breuer, Frankfurt a.M. Jahrgang 6 Heft 1 u. 2 S. 1-6

 

vrijdag 17 maart 2023

Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH: Kommentar Haftoro HaChaudesch


 Rabbiner Dr. Mendel HIRSCH

              (1833 - 1900)

 

הפטרת פרשת החדש

 

Aus dem Kommentar zur Haftoro des Wochenabschnittes Hachaudesch

 

Ezechiel, Kap. 45, Vers 16 und folgende

 

Der Nissan bringt uns das Fest unserer Nationalgeburt. Dieselbe begann, wie dies der Paraschah dieses Sabbaths (2 B.M. 12,3) lehrt, mit der Gründung und Weihe der jüdischen Häuser. Das ewige Vorbild des nach Gottes Willen und zu dessen Verwirklichung sich erbauenden jüdischen Hauses ist aber das Ohél Moëd, das Zusammenkunftbestimmungszelt. Ein erster Nissan war‘s, der die vollendende Weihe dieses Zeltes schaute, das Zeichen der segnenden Gottesnähe und die huldigende Hingebung Jissroéls an seinen Gott. Ach, es war nur ein flüchtig vorübereilender Moment. Es war nur der grundlegende Anfang. Es war nur ein Frühlingsaugenblick in der großen Reihe erhebender Frühlingsmomente in der jüdischen Geschichte, in denen alles Edle und Herrliche in der Volksseele zur Herrschaft, ach nur zu kurzen Herrschaft gelangte. Der Bau, zu dem an jenem ersten Nissan des zweiten Jahres nach der Erlösung aus Egypten mit der Einweihung des ersten Gotteshauses damals in der Wüste der Grund gelegt wurde – erst am Ziele der Tage winkt seine Vollendung. Die ganze jüdische Geschichte ist die Erziehung zu diesem Ziele.

Und wieder wird es ein erster Nissan sein, so enthüllt uns hier das Prophetenwort, an dem die Weihe des dann für die Ewigkeit erstehenden Heiligtums, des בית שלשי, des Bau, dem keine Zerstörung mehr folgen wird. Das wird eine Weihe sein, der keine Entweihung, Bau, dem keine Zerstörung mehr folgen wird. Erinnert uns Paraschass HaChaudesch alljährlich an den Anfang, so lässt das Prophetenwort, das die Weisheit unserer Altvordern für diesen Sabbath zur Haftora bestimmt hat, von dem fernen Ziele aus dem Dämmer der Jahrhunderte oder Jahrtausende, die uns von ihm noch trennen mögen, einige Scharf umgrenzte Umrisse vor unseren Blicken auftauchen. So hatte einst Jeremias, da das jüdische Land bereits erobert war und der Feind vor Jerusalems Thoren stand, zur Befestigung des Vertrauens auf die Rückkehr aus dem babylonischen Exil mit allen Formalitäten einen Kaufakt über ein in der Nacht des Feindes befindliches Feld abzuschließen. Ebenso sind in einer ganzen Reihe  von Kapiteln des Propheten Ezechiel die genauesten göttlichen Bestimmungen niedergelegt über Bau und Größenverhältnisse, Einrichtung und Dienst des einstigen, dritten, ewigen Heiligtums, die jeden Zweifel an der einstigen Verwirklichung bannen und unser Vertrauen in die absolut feststehende, von dem allmächtigen Lenker der Geschichte herbeizuführende Erreichung dieses Zieles zu einem felsenfesten machen sollen.

Deshalb ist es eine tiefe sinnige, weitschauende Anordnung, die uns alljährlich am Sabbath vor dem ersten Nissan, oder an diesem selbst, wenn er auf den Sabbath fällt, jenes Prophetenwort in die Hand gibt, welches auf den dereinstigen ersten Nissan der Zukunft hinschaut und für den Dienst des an ihm zu weihenden Heiligtums die göttlichen Anordnungen entspricht. Mag immerhin Vieles in diesen Worten sich unserem Verständnisse entziehen und nach dem Worte mehrerer Weisen erst einst durch Elijahu seine Erläuterung finden: die Tatsache dieses Gotteswortes ist für uns das Wichtigste, diese Tatsache ist an sich von mächtiger Lehrkraft. Der Gedanke an sie soll unseren Mut stets neu beleben, uns in allem Guten stärken und das Streben immer mächtiger in uns werden lassen, das Unsrige zu tun, ein jeder seines Ortes, bis daß diese Ferne immer näher und das geistig Geschaute endlich zur äußeren Verwirklichung komme.

 (Die Haftoroth übersetzt und erläutert, Frankfurt am Main 1896: S. 446- 456  Kommentar zu Ezechiel Kap 45 V.16) 

dinsdag 7 maart 2023

PURIM: Rabbiner Samson Raphael HIRSCH


 Samson Raphael HIRSCH  

         (1808-1888)

PURIM (פורים)

 

Chaurèw Kap.34

§ 247a

 

 Begebenheit ist klar. Sie liegt ausführlich in dem uns überkommenen Vermächtnisse der beiden Hauptpersonen, Mordochai und Esthér, in מגלת אסתר vor. – Schwarze Tücke sehen wir, Privatrache zu befriedigen, über das Leben vieler tausend äußerlich hilflos Preisgegebener würfeln; den selbstsüchtigen Zweck geschickt unterm Schein des Eifers für des Staates Wohl verhüllen; dazu die harmlose Gesondertheit Jissroéls aus dem Staats-Endzweck gefährlich schildern; und schon der Erreichung ihres verruchten Anschlages sicher. – Gegenüber jene Hilflosen, – nichts habend als ernste Prüfung bisherigen Lebens und Rückkehr zu Gott; ängstlich harrend des schrecklichen Tages, der ihnen allen Untergang droht; auf Gott allein hinblickend, ob er wohl noch das Schreckliche abwenden werde; und nach menschlichen Kräften nur noch den einzigen Weg gerader Vorstellung und Bitte versuchend. – Und über beiden – unsichtbar Gott, längst schon vorbereitend die Heilung vor dem Schlage; Folgen der Menschentat zu seiner Weisheit Zweck verknüpfend – Langeweile einer schlaflosen Nacht dem Könige – Aufwallung eines Augenblicks in des Königs Brust – und – abgewendet der Schlag von den Hilflosen, nur Gott habenden, – zurückgeschleudert der fein berechnete, Verderben tragende Blitzstrahl aufs Haupt der Urheber; und wehrloses Jissroél zur selbständigen Verteidigung seines Lebens berufen – zum Licht und zur Freude aus der Gefahr hervorgehend, die Nacht und Verderben gedroht. –

Da wurden die Tage solcher Errettung zum ewigen Zeitdenkmal für Jissroéls Zerstreute, auf daß sie die Kraft behielten in dem festen Vertrauen: Gott, der sie hinausgewiesen in die Wanderschaft unter Völker, wache auch unsichtbar über sie, und mache zu Schanden, was selbstsüchtige Bosheit an List und Ränken gegen sie schmieden möge. Das Schwache Ja-akauw sei stark in dem unsichtbar  wachenden Gott.

War hier leibliches Leben bedroht und leibliches Leben errettet, so stellt sich auch die Purimfeier dar, neben öffentlichen Vorlesen jenes die Begebenheit verewigenden Vermächtnisses, in Festmahlen, gegenseitigen Genussgeschenken und Bedenken der ärmeren Brüder. Gleichsam frohes Innewerden des wiedergeschenkten Lebens, in diesem Freudengefühl das Gesamtbrudergefühl gegenseitig erneuernd,  und ihm in Erheiterung der Ärmern Raum gebend. – 

§ 248

 Feier: Am 14ten Ador, nachts und am Tage, wird die Begebenheit in Mgilass Esthér (מגלת אסתר) gelesen. Nichts geht dieser Pflicht vor, ausser ein im Freien unversorgt liegender Toter ( א"ח687). Jedes Glied der Ja-akauw-Familie ist verpflichtet, nachts und tages M’gilloh zu lesen oder zu hören. Wo möglich trage einer in Versammlung sie vor und alle vernehmen sie aus seinem Munde (689). Sie werde ganz vorgelesen aus vorliegender nach Vorschrift verfertigter Abschrift der מגלת אסתר. Aus nicht nach Vorschrift verfertigter kann wohl zugehört, nicht aber mit- geschweige vorgelesen werden. Sie werde als eine Vermächtnisschrift aus jener Zeit gelesen (690). Über das Vorlesen, den Gottesdienst u.s.w. siehe (690 – 694) Mindestens zwei Gaben an zwei Bedürftige sollst du am Purim geben (694). Das eigentliche Freudenmahl für Purim sei am Tage. Eben so werden auch am Tage mindestens einem Freunde zwei  Geschenke an Festspeisen geschenkt (695) – Am Purim wird kein unnötiges Werk verrichtet, –  keine Trauerklage, kein Fasten veranstaltet (696) Alles nähre siehe (697,– 698).

§ 249

 Also, wenn Missbrauch der Gewalt zur Ertötung des Jissroél eigentümlichen Lebens, oder verschlagenes Benutzen der Eigentümlichkeit Jissroéls zum Vorwand für Ausführung von Plänen der Gewalt, die beiden schreckendsten Erscheinungen sind, die Jissroél auf seiner Wanderung durch die Zeiten bedrohen: so stehen Chanuckoh und Purim am Eingang dieser Wanderung wie Feuer- und Wolken-Säule und mahnen uns: treu zu bleiben allen Pflichten, treu dem Jissroélberufe, treu dem Lande und Fürsten, die uns aufgenommen – und dann auf Gott zu blicken – und weder Gewalt noch List – zu fürchten. – 

 

Körper

Geist

Schöpfung

פסח

שבועות

Erhaltung

סוכות

שמיני עצרת

Erhaltung im Exil

פורים

חנוכה

 Samson Raphael HIRSCH : Chauréw, Versuche über Jissroéls Pflichten in der Zerstreuung, zunächst  für Jissroéls denkende Jünglinge und Jungfrauen. Vierte Auflage Frankfurt  a.M. Verlag J. Kaufmann 1909

maandag 6 maart 2023

Der Fasttag Esthérs: Rabbiner Samson Raphael HIRSCH


Samson Raphael HIRSCH

      (1808-1888)

DER FASTTAG ESTHERS

 

Chaurèw Kap.33 § 238

 

2. תענית אסתר  Einer andern Golußsünde Denkmal[1][1], und Warnung vor derselben, von der uns nur durch Überlieferung Kunde geblieben, ist Tha-aniss Esthér, das auch nur durch Überlieferung des Herkommens Zeitendenkmal geworden. Gleichsam, als ob das Schuldbewusstsein des Volkes sich selber zur Warnung dies Erinnerungsdenkmal gesetzt. – 

 Begebenheit: Achaschwérausch, dem Sinne orientalischer Eroberer gemäß, war milde gegen die Besiegten. So viel verschiedene Völkerschaften beherrschend, konnte natürlich der Blick nicht an eine Eigentümlichkeit sich fesseln; und, mochte darum Sprache, Sitte, Religion, noch so verschieden sein, was nur dem allgemeinen Namen Untertan sich fügte, war ihm willkommen. So wurden denn diejenigen von Jissroél, das ohnehin ja der persischen Herrschaft so vielfaches dankte, die von ihrer Heimat ferngeblieben waren, mit in den wohltuenden Strahl königlicher Milde gezogen. Gleichsam Prüfung von oben, wie Jissroél, das im Laufe der kommender Jahrhunderte so vielfache Probe der Gottestreue im Unglück geben sollte, in dieser Gottestreue unterm Strahl der Milde bestehen würde. Und siehe, Jissroél, das unterm Druck nie die Treue brach, die Probe bestand es nicht. – Sich gefallend in dieser fürstlichen Milde, sei es weil deren Haltung als Bürgschaft ihres Heils betrachtend, sei es aus Schwäche, sich nicht dem Gütigen gegenüber in ihrer Eigentümlichkeit behaupten zu können, sei es im Wahn, diese Milde selbst durch Anschmiegen an Landessitte vergelten zu müssen, ginge es auch auf Kosten des Jissroélgeistes und Jissroéllebens, – oder etwa gar – sich der eigentümlichen Sitte schämend und gerne so rasch als möglich mit denen sich einigend, von denen ihr äußeres Heil abhing, kurz , Jissroél bestand nicht; die Milde machte sie lauer in Beachtung väterlicher Lehre. Aber Gott riss sie bald aus ihrem Traum. Ein Mann, ewiges Muster für Jissroéls Goluß, wie man Land und Fürsten treu und doch Jhudi in wahren edelsten Sinne bleiben könne, Mordochai musste sie im eigenen Beispiel lehren: nichts zu wissen von jener Mäkelei mit Jissroéls Lebensgute, und, wo es gilt sich der Mächtigen Gunst auch nur durch Entsagung einer Jissroélpflicht zu erkaufen, sich, die Seinigen, lieber alles preiszugeben, als sich Leben und Gemächlichkeit durch Pflichtverletzung zu erringen; treu zu bleiben – und alles übrige in Gottes Hand zu stellen. –  Und nachdem nun gerade jene, trotz ihres Anschmiegen, das Schwankende der Menschengunst erfahren hatte, und Gott gerade die Gefahr, die Mordochais Festigkeit über sie alle gebracht, in herrliche Rettung umgewandelt hatte, sie auch in der Stunde der Gefahr die eigene Verirrung erkannt, da – während  von seinen Führern der Tag der Rettung als freudiges Zeitdenkmal eingeführt worden – erhielt sich das Volk selber den Tag vor dem Feste als warnendes Denkmal schnöder Verirrung, und das ist der Tha-aniss Esthér.

 Warnung:  Wovor warnt Tha-aniss Esthér? Vor der Verirrung, die Völkergunst durch Anschmiegen an ihre Lebensweise, wenn auch mit Verletzung göttlicher Pflichten, zu erkaufen. Wenn Zaum Gdaljoh uns vor Untreue, Ungehorsam, Ungefügigkeit warnt gegen die Hand Gottes, die ins Goluß  uns führte, und Anhänglichkeit, Gehorsam und Treue für die Völker von uns fordert, die uns aufgenommen: zeigt Tha-aniss Esthér  die Grenze dieses Rufes in der Treue gegen das Gesetz, das uns zu Jissroél macht, und ruft allen Geschlechtern Jissroéls zu: wenn Gott sie wieder prüfen werde durch Völkermilde, wie Er durch Völkerhärte sie geprüft, standhaft zu bleiben in dieser Prüfung, und der alles versöhnende Milde durch Treue und Anhänglichkeit und Förderung des Völkerwohls zu begegnen, und durch volle Entfaltung des schönen Jissroélcharakters, wie Gott dies ja selbst gegen Völkerhärte fordert, – nicht aber durch Aufgeben ihrer jissroélitischen Persönlichkeit; denn das hieße Selbstmörder werden, um das Leben zu gewinnen.

 

 Samson Raphael HIRSCH : Chauréw, Versuche über Jissroéls Pflichten in der Zerstreuung, zunächst  für Jissroéls denkende Jünglinge und Jungfrauen. Vierte Auflage Frankfurt  a.M. Verlag J. Kaufmann 1909



 [1]  Das andere ist der Fasttag Gdaljohs (§ 237) am 3.Tage des Jahres.

woensdag 1 maart 2023

„Belehrung und Mahnung“ (Sochaur) Rabbiner Dr. Salomon BREUER

 


Rabbiner Dr. Salomon BREUER

                (1850 1926)

 

פ' זכור

 

Belehrung und Mahnung  zur Wochenabschnitt Sochaur

 Der heutige שבת steht im Zeichen der פרשת זכור, die an die Pflicht, das Andenken Amaleks, zu vernichten mahnt. Wenn auch diese Pflicht an jedem Tag des Jahres erfüllt werden kann, so lehrt doch der weise Brauch der Väter, diese Pflicht an dem Purim vorangehenden שבת in lautester Öffentlichkeit zu proklamieren, weil mit der wundervollen Geschichte, die dieses heitere Fest verewigt, Amalek, der für Jissroél und die Gesamtmenschheit die größte Gefahr bedeutet, aufs innigste verknüpft ist. Wie zum ersten Male Amalek unsere Väter bei ihrem Auszug aus Mizrajim anfiel und sie mit völliger Vernichtung bedrohte, so fiel auch später Amaleks Enkel, Haman, über unser Volk her, um ihn den Untergang zu bereiten; wie dort Josua, ein Enkel unserer Mutter Rahel, so war hier Mordechai, gleichfalls ein Nachkommen Rahels, das göttliche Werkzeug unserer Rettung und Erlösung. –

Dies wären aber nur äußere Analogien zwischen diesen beiden historischen Ereignissen. Der scharfe Blick unserer Weisen greift jedoch ein Wort aus der Megilla heraus und weist an diesem einzigen Wort die inneren Beziehungen nach, die diese bedeutsamen Vorgänge miteinander verknüpfen.

Als die Kunde von Hamans Mordplan zu Esther gelangt war, erzählt die Megilla, ותקרא אסתר להתך וגו' ותצוהו על מרדכי rief Esther Hathach herbei und gab ihm den Auftrag an Mordechai לדעת מה זה ועל מה זה zu erfahren, was dies sei und weshalb dies sei. ויגד לו מרדכי את כל אשר קרהו Und Mordechai erzählte ihm alles, was ihn getroffen. –

Hierzu bemerken die Weisen (מ"ר): לדעת מה זה ועל מה זה, אמרה לו לך אמור לו מימיהם של ישראל לא באו לצרה כזאת, שמא כפרו ישראל בזה אלי ואנוהו, שמא כפרו בלוחות דכתיב בהן מזה ומזה הם כתובים Esther ließ Mordechai anfragen: Gehe, sage ihm: Seit Jissroél besteht, ist über Jissroél keine solche Not gekommen; vielleicht haben sie die Wahrheit verleugnet, die in den Worten ausgedrückt ist: זה וגו' „dies ist mein Gott, ich will ihm Stätte bereiten“ (Ex.15); vielleicht haben sie die Gesetzestafeln verleugnet, von denen es heißt: מזה וגו' „von hier und von hier sind sie beschrieben“ (Ex. 32)

Und Mordechai ließ ihr antworten: את כל אשר קרהו, אמר להדך לך אמור לה בן בנו של קרהו בא עליכם, הה"ד אשר קרך בדרך ein Enkel jenes Mannes, der einst unsere Väter „getroffen“, bedroht auch euch mit völligem Untergang: אשר 'קרך' בדרך heißt es dort (5 B.M. 25,18) hier את אשר 'קרהו'. In diesem einen gemeinsamen Wort ist den Weisen die innige Verknüpfung dieser beiden Ereignisse enthalten.

Tief erschüttert von der Schreckenshunde gab Esther den Auftrag, Mordechai zu fragen: לדעת מה זה ועל מה זה Wie aber hat sich die gesamte jüdische Bevölkerung dieser Schreckensnachricht gegenüber verhalten? Man sollte meinen, daß sie überall unterschiedslos die gleiche Bestürzung und Angst hervorgerufen habe. Lesen wir jedoch die Megilla aufmerksam, so finden wir in der Art, wie die jüdische Bevölkerung reagierte, einen gewaltigen Unterschied. Während es von den Provinzen heißt: ובכל מדינה ומדינה מקום אשר דבר המלך ודתו מגיע אבל גדול ליהודים וצום ובכי ומספד שק ואפר יצע לרבים „In jeder einzelnen Provinz, wohin immer das Gebot des Königs und sein Erlaß gelangte, herrschte große Trauer unter den Jehudim, Fasten Weinen und Klage, mit Sack und Asche hatte sich die Menge umhüllt’, heißt es von der  Residenzstadt kurz: והעיר שושן נבוכה „die Stadt Schuschan war – so übersetzt man gewöhnlich – bestürzt.“

Dieser Unterschied in der Kundgebung ihres Schmerzes ist ein solch bedeutsamer, daß er uns zum Nachdenken Anlaß gibt.

לדעת מה זה ועל מה זה, שמא כפרו וכו' Daß  im tiefen Grunde nur eine verhängnisvolle Verirrung des jüdischen Volkes diese vom Amaleks Enkel drohende Vernichtung heraufbeschworen habe, war Esther von vornherein klar; sie wollte nur die Art der Verirrung erfahren: שמא כפרו בזה אלי שמא כפרו בלוחות וכו'.

Welcher Art aber dieser Verirrung war, hierüber haben unsere Weisen (Megilla 12a) folgenden Aufschluss gegeben. Auf die Frage, weshalb die jüdische Bevölkerung mit Untergang bedroht wurde, erteilte רשב"י seinen Schülern die Antwort: מפני שהשתחוו לצלם sie hätte, wenn auch nur äußerlich, dem Götzentum sich zugewandt. Die Schüler aber legten der jüdischen Bevölkerung Schuschans als besonders Vergehen zu Last מפני שנהנו מסעודתו של אותו רשע daß sie an den Mahle, das Achaschwerosch der Residenzstadt gab, teilgenommen. – 

Nun bedarf es aber der Erwägung: dieses Vergehen war doch nicht im entferntesten ein derartiges, daß sie den Untergang verdient hätten; hatten sie doch an dem Mahle nicht freiwillig teilgenommen: והשתיה כדת אין אנס nur zum Trinken bestand keinen Zwang, während sie zur Teilnahme am Mahle durch königlichen Befehl gezwungen worden waren!

Es dürfte jedoch die Ausdrucksweise, mit der dieses Vergehen wiedergegeben wird, die Schwere dieses Vergehens genügend erklären.  Es heißt  nicht מפני שאכלו sondern מפני שנהנו: sie hatten Vergnügen an dem Mahle, hatten הנאה an diesem טרפה-Mahle, sie freuten sich, zur Teilnahme an diesem Mahle genötigt worden zu sein!

מפני שנהנו Wieviel aber haben uns die Weisen damit nicht gesagt! Man bedenke: Bis dahin waren die Juden Schuschans von jeder Teilnahme am politischen und sozialen Leen ausgeschlossen – mit Ausnahme von Daniel und seine Genossen dürfte ihnen wohl jedes öffentliche Amt versagt geblieben sein – und nun kam plötzlich der königliche Befehl לכל העם הנמצאים בשושן der alle Bewohner Schuschans von gross bis klein, die Juden nicht ausgenommen, zur königlichen Tafel lud! Wie mögen sich da die jüdischen Bewohner der Residenz mit dieser ihnen aufgenötigten Teilnahme so recht herzlich gefreut, in ihr den 'קדוש השם' und den Anbruch einer „neuen Zeit gefeiert haben, die ihnen das Ende der Golus bedeutete – wie viele mochten im ersten Jubelausbruch der ,זכיה mit Haman an einer Tafel dinieren zu dürfen, ihre Mizvoth, ihr Talith und ihre Tefillin bei Seite gelegt haben, um dieser „Emanzipation“ sich „würdig“ zu erweisen!

In diesen Taumel fiel die grausige Kunde von dem königlichen Dekret: להשמיד ולהרוג ולאבד את כל היהודים Tod und Vernichtung allen Juden!

Ester vernimmt’s und alsbald lässt sie erkunden לדעת מה זה ועל מה זה: Haben sie etwa Gott, haben sie den Geist der Gesetzestafeln verleugnet von denen es heißt: מזה ומזה הם כתובים „von hier und von hier sind sie beschrieben“?

מזה ומזה הם כתובים Die Gottesschrift durchdrang den Stein, so daß, nach dem Worte der Weisen, מ"ם וסמ"ך שבלוחות בנס היו עומדין die Buchstaben ם und ס nur durch ein Wunder in den Tafeln standen, da die von diesen ganz geschlossene Schriftzeichen umfassten Teile der Tafeln hätten herausfallen müssen und durch ein Wunder von den Schriftzeichen gehalten wurden. Dieses in den Tafeln, den Trägern der göttlichen Schrift, sich offenbarende geheimnisvolle Wunder ist aber dasselbe wunderbare Geheimnis, das auch im Geschick des jüdischen Volkes, dieses Trägers der göttlichen Schrift“ sich offenbart.  Nicht der Stein trägt die Schrift, hier trägt die Gottesschrift den Stein! So auch im Geschick des jüdischen Volkes. Sich selbst überlassen, ist das jüdische Volk ein in der Luft schwebender Stein. אין לנו להשען אלא על אבינו שבשמים Es stürzt  unrettbar zu Boden, wenn es seinen Halt in sich oder in irdischen Faktoren zu finden glaubt. Nur wenn die Macht des göttlichen Willens es umfangen hält und sein Wesen durchdringt, vermag es zu bestehen und braucht kein Gewalt auf Erden zu fürchten.

שמא כפרו בלוחות דכתיב בהן מזה ומזה הם כתובים Das war es in der Tat. Diesen Geist der לוחות hatte die jüdische Bevölkerung Schuschans verleugnet, und damit war ihr Schicksal besiegelt: der Steinkörper, den die Gottesschrift nicht mehr schützend und tragend umfasste, musste rettungslos in die Tiefe stürzen. –

Dieses gottgewollte jüdische Geschick hat sich noch zu allen Zeiten bewahrheitet. Der gewissenhafte, vom Geist  der לוחות erfüllte Jehudi lässt sich daher nimmer von Zeitengunst und der durch sie ihm beschiedenen Glückstellung blenden. Das Bewusstsein, daß seine Stärke ihm nur aus Gott und der treuen Erfüllung des Gotteswillens beschieden sei, verlässt ihn kein Augenblick, und mag das Golus zeitweise seine herbe Erscheinung mildern, solange nicht die göttliche Wahrheit sich die Herrschaft im Leben der Völker errungen hat, ist er auf den Wandel der Zeitengunst gefasst, und erhebt das רשעות plötzlich wieder das Haupt, so schmerzt ihn wohl diese Erfahrung tief, aber sie überrascht ihn nicht und תשובה, תשובה wahrhafte innige Rückkehr zu Gott, gesteigerte Treue gegen Gott und seine Thora ist ihm einziges Gebot der Stunde. Den Entfremdeten hingegen, der den Geist der לוחות verleugnete, der in Freiheit und Gleichstellung zugleich die „Erlösung“ von den Fesseln des Gesetzes zu erblicken wähnte und sich hemmungslos den durch die Gunst der Verhältnisse gebotenen Lebensmöglichkeiten unter Preisgabe seiner jüdischen Lebensideale hingab, ihn muss der plötzliche Umschlag in völlige Fassungslosigkeit versetzen;: Gestern noch von der Sonne der Gunst bestrahlt, Gegenstand allseitiger Hochachtung und Wertschätzung und heute Spielball roher Willkür und verbrecherischer Gewalt – !

Diese für die jüdische Geschichte so bedeutsame Tatsache verewigt unsere Megilla: Überall in den Provinzen ובכל מדינה ומדינה מקום אשר דבר המלך ודתו מגיע (Esther 4,3) wo Jehudim lebten, die von dem Taumel der Residenzstadt nicht ergriffen waren, da löste wohl die Nachricht des königlichen Dekrets tiefe Trauer aus אבל גדול ליהודים, aber die Kunde traf sie nicht unvorbereitet, sie wussten alsbald, was sie zu tun hatten und was als einzige Rettungsmöglichkeit ihnen geblieben: צום ובכי ומספד וגו' die aufrichtige Rückkehr zu Gott und seiner Thora. – Aber in Schuschan, der Metropole des verblendeten Assimilationstaumels, da war man durch die plötzliche Wendung der Dinge aus allen Himmeln gestürzt: נבוכה (in dem Sinne von נבוכים הם בארץ 2 B.M. 14,3) man war es ganz „irre“, fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen! 

Was aber die Bewohner Schuschans so überraschend traf und vor ein vollendetes Rätsel stellte, das war Esther ohne weiteres klar und stand ihr als traurige Gewissheit vor Augen, da sie alsbald die Frage stellte: שמא כפרו בלוחות Nicht Jissroél trägt die Thora, die Thora trägt Jissroél. In dem Augenblick, da es von seiner Thora sich nicht tragen lässt, fällt es rettungslos zu Boden. Jissroél wird nach dem treffenden Worte der Weisen mit den Sternen des Himmels und mit der Staub der Erde verglichen – es hat nur die eine Wahl: von seiner Thora getragen, erhebt es sich zu den Himmeln, ohne seine Thora wird es zum Staub der Erde! שמא כפרו בלוחות Haben sie sich an dem Geist der לוחות versündigt und ihn jämmerlich verkannt? –

Und Mordechai antwortet auf Esthers Frage mit einem einzigen Wort, das alles erklärt: ויגד לו מרדכי את כל אשר קרהו er berichtet alles, was ihn „getroffen“, das aber heißt nach dem Weisheitswort: בן בנו של קרהו בא עליכם הה"ד אשר קרך בדרך der Enkel des Mannes, der die Väter einst „getroffen“, bedroht auch uns mit dem Untergang.

קרה wovon מקרה, bezeichnet nach einer sinnigen Bemerkung unseres großen Rabbiners זצ"ל durchaus nicht, was wir „Zufall“ zu nennen pflegen, vielmehr was dem davon betroffenen außer jeder Erwartung und Berechnung geschieht und daher um so mehr auf den unsichtbaren Lenker der Geschicke Jissroéls hin, der die Verblendeten seines Volkes dem Geiste der לוחות zurückgewinnen wollte. Was sie so plötzlich traf, war in Wirklichkeit nur die natürliche Folge davon, כפרו בלוחות daß sie den Geist der לוחות verleugnet hatten. בן בנו של קרהו בא עליכם Ein solches 'קרהו' war aber auch das erste Auftreten Amaleks, אשר קרך בדרך als Amalek Jissroél „plötzlich“ anfiel.

זכר את אשר עשה לך עמלק בדרך בצאתכם ממצרים ruft uns die Thora zu: Vergiß nimmer, was Amalek dir getan, als ihr aus Mizrajim zoget; בשעת גאולתכם „im Moment eurer Erlösung“, fügen die Weisen (ספרי) bedeutsam hinzu. Soeben erst hatte Gott diesem Volke unter allmächtigen Wundertaten vor aller Welt den Weg in die Freiheit gebahnt, eine Tatsache, die auch die Wehrlosen von jeder mutwilligen Angriff hätte schützen müssen und von der das Meereslied sang: שמעו עמים ירגזון וגו' „Völker hörten und beben – Zittern ergreift sie, aufgelöst die Bewohner Kanaans –  ויבא עמלק und da kam Amalek! Plötzlich, unerwartet – אשר קרך.

Und doch  lautete auf die Frag מה זה ועל מה זה auch damals als einzige Antwort: כפרו בלוחות sie hatten den „Geist der Tafeln“ verleugnet; eine Wahrheit, die das Gotteswort durch das eine Wort ברפידים verewigt: ויבא עמלק וילחם עם ישראל ברפידים „Amalek kam und nahm den Kampf mit Jissroél auf in Refidim“ (2 B.M. 17,8) – Denn רפידים, meinen die Weisen (מכילתא) bezeichnet רפיון „Schwäche der Hände“ – לפי שרפו ישראל ידיהם מדברי תורה Jissroéls Hände waren schwach geworden, weil sie von der Thora ließen.

Laßt uns nicht zittern um den Bestand der Thora, die Thora wird nicht schwach, כי לא תשכח sie weiß noch immer sich Träger zu sichern, die ihre Wahrheit aufgreifen und durchs Leben tragen. Zittern lasst uns um die, die von ihr lassen: deren Hände werden schwach und ohnmächtig. Das aber war in Refidim der Fall. Dort, so heißt es in den unmittelbar vorhergehenden Verse, sprach Jissroél die verhängnisvolle Worte: היש ה' בקרבנו אם אין und setzte Zweifel in die schützende und helfende Gegenwart Gottes in seinem Leben – und als da kam alsbald Amalek. Was so unerwartet, plötzlich“ sich ereignete, war in Wirklichkeit eine aus den Ereignissen mit Notwendigkeit sich ergebende Folge.

סמך פרשה זן למקרא זה sprechen die Weisen so sinnig (s. Raschi): diese beiden Abschnitte gehören eng zu einander. „Dauernd weile ich unter euch, bereit, euch zu helfen; ihr aber sprechet: weilt Gott in unserer Mitte? Nun, so komme der Hund und beiße euch, und ihr werdet aufschreien zu mir und erkennen wo ich bin“ –משל „Ein Gleichnis: ein Vater trägt sein Kind auf den Schultern. Willig hebt der Vater immer wieder Gegenstände vom Wege auf, nach den das Kind verlangt, um sie ihm zu geben; da begegnet ihnen ein Wanderer, und das Kind stellt die Frage: hast du mein Vater gesehen? Du weißt nicht, wo ich bin, spricht zürnend der Vater und wirft sein Kind zürnend von seinen Schultern, und dann kam der Hund und biß es  Gibt es ein treffendere Darstellung für die ewige Wahrheit, die in den Gesetzestafeln ihren Ausdruck fand; daß Jissroél nur so lange sich geschützt und getragen weiß,  als es sich von der „Gottesschrift“ umklammern lässt, rettungslos aber in „die Tiefe stürzt“, sobald es in törichter Verblendung den „Geist der Gottestafeln“ verleugnet und, statt in jedem Augenblick der helfenden und bergenden Gottesnähe sich bewusst zu sein, die beschämende Frage stellt: היש ה' בקרבנו „weilt Gott in unserer Mitte?“ –

'קרך' בדרך bezeichnet Amaleks erstes Auftreten – 'קרהו', das seines Enkel Haman – Dieses eine Wort erklärt das Auftreten seiner späten Enkel in der jüdischen Geschichte bis auf den heutigen Tag. Wir haben es erlebt und erleben es immer wieder. Und wenn es „plötzlich, unerwartet“ zu kommen scheint, dem wird auf die Frage: מה זה ועל מה זה immer wieder die einzig wahre, aber auch alles erklärende Antwort zuteil: רפידים! Das aber heißt mit anderen Worten: שמא כפרו בלוחות.

Unsere Hände sind ohnmächtig, wenn wir von der Thora lassen; sie sind unüberwindlich stark, wenn wir an der Thora festhalten. Das lehrt uns Amaleks und Hamans קרך   und קרהו – Das ist die ewige Wahrheit, zu deren Beherzigung alljährlich פ' זכור  am Schabbos vor Purim uns aufruft.

 Quelle: Rabbiner Dr. Salomon BREUER  Belehrung und Mahnung zweiter Teil Exodus J.Kaufmann Verlag Frankfurt am Main 1931 S. 74 -79


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